Auf die Reise gehen mit Camus

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Da brauchte es also mal wieder die örtliche Tageszeitung, um mich aufzuwecken und mich aus dem alltäglichen Strudel zu reißen, in dem der Blog gerade tatsächlich unterzugehen drohte… Ein klein wenig mahnend und zugleich mit mildem Lächeln blickt mir Camus beim Frühstück entgegen und spricht aus, was mir jetzt gut tun würde: eine Reise unternehmen, die mich wieder bei mir selbst ankommen lässt. Genau so habe ich das Reisen immer empfunden: Jede Reise hat auf dem Umweg über neue Länder, neue Städte, neue Landschaften und neue Menschen die Seele wachsen lassen und mich auf diesem Wege mir selbst näher gebracht. Wo genau die von den Kollegen verwendete Zitate-Datenbank den Ausspruch von Camus gefunden hat, kann ich nicht sagen. Er ist so für sich genommen nun auch nicht sonderlich originell. Ähnliches hat vermutlich so ziemlich jeder reisende Literat oder Philosoph schon mal gesagt oder zumindest gedacht. „Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum“, stellte etwa Hermann Graf Keyserling seinem Reisetagebuch als Motto voran. Allein auf Reisen zeigt sich eben, ob man es mit sich selbst und bei sich selbst aushält. Wenn nicht, wird man es spätestens jetzt lernen müssen, und nichts eignet sich so gut dazu, es zu lernen, wie das Reisen. Weder Graf Keyserling noch Camus kannten allerdings die heutigen Auswüchse einer Tourismus-Industrie, die genau vom gegenteiligen Effekt lebt: Nämlich nach Kräften die Begegnung mit dem Fremden in der Fremde zu vermeiden und durch flächendeckende Rumdumbespaßung und Endloszerstreuung der Begegnung mit sich selbst jederzeit ausweichen zu können. Mit Reisen hat diese Art von gewerbsmäßig organisiertem Ortswechsel nun wirklich nichts zu tun. Aber ich schweife ab.

Die schönsten Episoden über das Reisen findet man bei Camus in den frühen Essays Tod im Herzen und Liebe zum Leben aus der Sammlung Licht und Schatten. Sie beschreiben die Reise, die Camus 1937 durch Europa führte, und sie beschreiben genau diesen Effekt der Selbstbegegnung, den das Reisen ausmacht, wenn man sich wirklich der Fremde aussetzt. Für Camus war es sein Aufenthalt in Prag, der ihn diese Erfahrung machen ließ:

„Eine Stadt, deren Aushängeschilder ich nicht lesen kann, fremde Buchstaben, die keinen vertrauten Halt bieten, ohne Freunde, mit denen ich sprechen könnte, ohne Zerstreuungen auch. (…) Dies ist der Augenblick, da der Vorhang der Gewohnheiten, dieses bequeme Gewebe der Worte und Gebärden in denen das Herz eindöst, sich langsam hebt und endlich das fahle Gesicht des Umgetriebenseins enthüllt. Der Mensch steht sich Aug‘ in Auge gegenüber: ich wette, dass er nicht glücklich sein kann…“. Aber dann folgt sogleich der Gedanke, der alles wendet: „Und doch bringt ihm das Reisen gerade dadurch Erleuchtung. Ein großer Zwiespalt tut sich auf zwischen ihm und den Dingen. In das weniger gut gewappnete Herz dringt die Musik der Welt leichter ein. Und in dieser tiefen Bedürftigkeit wird der geringste einsame Baum zum zartesten aller Bilder” (1). Der Sicherheit der eigenen vertrauten Lebensbezüge beraubt, ist es diese Entblößtheit, die uns hilft, die Dinge neu zu sehen. Auf Reisen, „all unserer Stützpunkte verlustig, unserer Masken beraubt (…) befinden wir uns völlig an der Oberfläche unserer selbst. Aber da wir das Gefühl haben, unsere Seele sei krank, gewinnt in unseren Augen jeder Mensch und jedes Ding wieder seinen Wert als Wunder.“ (2)

(1) Tod im Herzen, in: Literarische Essays, Rowohlt-Verlag, Hamburg 1959, S. 52f. (2) Liebe zum Leben, in: Literarische Essays, a.a.O., S. 65.

 

 

 

 

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2 Kommentare zu Auf die Reise gehen mit Camus

  1. Karen sagt:

    … wegen Camus war ich damals in Algerien. Das ist aber schon lange her.
    Inzwischen mag ich ihn irgendwie überhaupt nicht mehr. Ich denk,
    das liegt an den dazu gekommenen Jahren und dass ich eine Frau bin.

    liebe Grüsse
    an Algerien und die maroden Strände (noch vor der 2000der Wende)
    erinnere ich mich gern

    Karen

  2. M. Otersen sagt:

    Guten Abend, das Zitat stammt aus den Tagebüchern. Ich habe die Stelle erst vor Kurzem wieder gelesen. Es steht am Ende eines längeren Abschnittes zu dem Thema.

    Eine genaue Seitenangabe kann ich nicht machen, ich blättere in demTagebüchern immer etwas willkürlich herum.

    Mit freundlichen Grüßen und vielen Dank für die Arbeit an diesem blog.

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