Auf dem Weg zur Heilung – Das Zufallszitat zum Sonntag (5)

„Was die Gesellschaft angeht, zugeben, dass ich nichts von ihr erwarte. Dann wird jede Beteiligung zu einem Geschenk, das keinen Lohn erhofft. Lob oder Tadel werden dann zu dem, was sie sind: nichts. Schließlich Abkehr von der Herde. 
Die abgenutzte Moral der abstrakten Gerechtigkeit abschaffen.
An der Wirklichkeit der Menschen und der Dinge festhalten. Sooft wie möglich zum persönlichen Glück zurückkehren. Sich nicht weigern, das Wahre anzuerkennen, auch wenn das Wahre sich zufällig dem Wünschenswerten widersetzt. Bspl: Zugeben, dass auch die Kraft, vor allem die Kraft überzeugt. Die Wahrheit lohnt jede Qual. Sie allein ist die Grundlage der Freude, die dieses Bemühen krönen soll.
Die Energie wiederfinden – in der Mitte.
Die Notwendigkeit von Feinden zugeben. Lieben, dass es sie gibt.

Soviel Kraft wie möglich wiederfinden, nicht um zu beherrschen, sondern um zu geben.“¹

Albert Camus, Tagebücher 1951-1959. Eintrag vom April 1958. Camus steckte mitten in einer schweren Krise. Schaffenskrise, Energiekrise, Depressionen, Angstgefühle. Im Tagebuch, das im Gegensatz zu den früheren Arbeitscarnets mit der Zeit persönlicher geworden ist, notiert er „Etappen einer Heilung“ – Verhaltensmaßregeln für sich selbst. Das Zitat ist ein Auszug aus diesem längeren Eintrag. Ich nehme heute daraus noch ein weiteres Detail mit: „Den Willen schlafen lassen. Kein «ich muss» mehr.“²

In diesem Sinne: Allen Blogleserinnen und Camus-Freunden einen schönen Sonntag!

¹Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S.280f. ² a.a.O., S. 279.

 

„Zufallszitat zum Sonntag“ – Die Spielregel: blind ins Regal greifen, Buch aufschlagen, mit dem Finger über der Seite kreisen, landen, fertig.

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2 Kommentare zu Auf dem Weg zur Heilung – Das Zufallszitat zum Sonntag (5)

  1. Willy Stucky sagt:

    Der Satz „Ich revoltiere, also sind wir“ ist das Resultat einer Analyse und somit keine Handlungsanweisung. Gerade in seiner grossen historischen Analyse mit dem Titel „Der Mensch in der Revolte“ kam Camus zum Entsetzen der französischen Intelligenzija zum Schluss, dass die Gerechtigkeit mit einem im buchstäblichen Sinne des Wortes verheerenden Abstraktionsgrad behaftet ist, weshalb er diesem hehren Begriff misstraute und ihm den schlichteren Begriff des Masses entgegenhielt.
    Dass er in seinen Tagebucheintragungen noch weiter ging, beweist der hier zur Diskussion gestellte Eintrag vom April 1958.
    Keine zwei Jahre danach wurde er vom Tod überrascht, weshalb wir nicht wissen können, ob er die einschlägigen Gedanken je in irgendeiner Form publiziert hätte, wusste er doch selbst, in welchem Ausmass sie missverstanden werden können.
    Was aber wäre ein Gegenbegriff zur besagten Abstraktion? Unter anderem wohl das Festhalten „an der Wirklichkeit des Menschen und der Dinge“ und – aus der Feder eines Agnostikers gewiss einigermassen verblüffend – die Feindesliebe: „Die Notwendigkeit von Feinden zugeben. Lieben, dass es sie gibt.“ Bruder Trump und Schwester Petri sozusagen.
    Camus verlangt viel, doch ich verstehe ihn in diesem Punkt besser, als ich die Hasser und Verächter verstehe, die jedes „Gespräch“ mit ihren Feinden lediglich für eine gute Gelegenheit halten, ihre eigene moralische Überlegenheit zur Schau zu tragen, d.h. Lob zu ergattern, von dem Camus gemäss dem zitierten Tagebucheintrag konsequenterweise nichts hält.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Stucky, vielen Dank für Ihren Kommentar – ich bin total d’accord! Herzliche Grüße, Anne-Kathrin Reif

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