Zum Muttertag

Seit einem Jahr und acht Monaten schweige ich, was nicht bedeutet, dass ich zu handeln aufgehört hätte. Ich war und bin für ein gerechtes Algerien, in dem beide Bevölkerungsgruppen in Frieden und Gleichheit zusammenleben. Ich habe wiederholt gesagt, dass man dem algerischen Volk Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihm ein uneingeschränkt demokratisches Regime zugestehen muss; aber dann steigerte sich der Hass auf beiden Seiten so sehr, dass ein Intellektueller nicht mehr intervenieren durfte, weil seine Erklärungen den Terror noch hätten schüren können. Mir schien es sinnvoller, den geeigneten Moment zum Einigen,  nicht zum weiteren Trennen, abzuwarten. (…) 

Ich habe den Terror immer verurteilt. Ich muss auch einen Terrorismus verurteilen, der, beispielsweise in den Straßen Algiers, blind wütet und eines Tages auch meine Mutter oder meine Familie treffen kann. Ich glaube an die Gerechtigkeit, aber bevor ich die Gerechtigkeit verteidige, werde ich  meine Mutter verteidigen.”

Am 12. Dezember 1957, zwei Tage nach der Verleihung des Literatur-Nobelpreises, fand in der Universität Stockholm eine Diskussionsveranstaltung mit Camus und Studenten statt, während der Camus von einem jungen Algerier wegen seines vermeintlich langen Schweigens zur Algerienfrage heftig attackiert wurde. Die Replik Camus’ wird so von seinem Biographen Olivier Todd wiedergegeben, der sich auf Zeitungsartikel und ihm persönlich überlieferte Augenzeugenberichte beruft (1).

12. Mai. Muttertag. Ich widme das heutige „Zitat des Tages” allen Müttern und ganz besonders natürlich meiner eigenen.

(1) Vgl. Olivier Todd, Albert Camus. Ein Leben, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 754.

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Zitat des Tages abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Zum Muttertag

  1. miRe sagt:

    Michel Onfray hat dieses Zitat bei der Vorstellung seines Buches, L’Ordre Libertaire, La vie philosophique d’Albert Camus, in einem TV-Interview aufgeführt, um zu zeigen wie Camus willkürlich Gegenstand zu infamen Diskussionen über seine Weltanschauung wurde. Bemerkung eines LeMonde-Journalisten gegenüber einem Kollegen in Frankreich, der die Verleihung vor Ort begleitetete und das Zitat aus dem Zusammenhang nach Frankreich seinem Kollegen übermittelte: Ich wusste, dass er eine Dummheit begehen würde!

    Bisher in französischer Sprache erhältlich kann ich den genannten Lesestoff und das Interview Camus-Anhängern nur empfehlen.

    https://www.youtube.com/watch?v=dNJEYEegrZM

    Schöne Grüße aus Wuppertal-Barmen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.