Vorhang auf (2)! Caligula in Berlin, Duisburg, Düsseldorf, Salzburg und Münster

Caligula (André Kaczmarczyk) zelebriert in Düsseldorf lehmbeschmiert den Wahnsinn. ©Foto: Sandra Then

Vier Häuser hatten  in der vergangenen Saison Camus‘ Caligula auf dem Spielplan, zwei davon nehmen ihn mit in die Saison 2018/19: Am Schauspielhaus Düsseldorf  ist es die quietschbunte Inszenierung von Sebastian Baumgarten mit dem jungen Schauspielstar André Kaczmarczyk (bei einer Kritiker-Umfrage der „Welt am Sonntag“ gerade zum zweiten Mal zum „beliebtesten Schauspieler in NRW gewählt) in der Titelrolle. Das Stück lief bislang mit gutem Erfolg, die Inszenierung scheint durchaus Zuspruch zu finden – mich hat sie nicht wirklich überzeugt. Warum, kann man im Blog unter dem Titel Viel Wahn und wenig Sinn nachlesen

Caligula (Constanze Becker) mit Kettensäge in der Inszenierung von Antú Romero Nunes am Berliner Ensemble. ©Foto: Julian Roeder

Zu meinen größten Versäumnissen der vergangenen Monate zählt, Asche auf mein Haupt, die Tatsache, den großartigen Caligula am Berliner Ensemble zwar gesehen, aber dann aus Zeitmangel nicht hier besprochen zu haben. Regisseur Antú Romero Nunes nimmt sich mindestens ebenso viele Freiheiten heraus wie Sebastian Baumgarten in Düsseldorf – allein schon die Besetzung der Titelrolle mit der großartigen Constanze Becker –, steckt Scipio und Helicon zu Beginn in Clownskostüme, ist laut und bildgewaltig und dringt dabei jenseits von Effekthascherei in die Tiefen vor, die das Stück auf vielen Ebenen mitbringt. Am BE sind die Folgetermine noch in Planung, ein Gastspiel steht aber schon fest, nämlich

Ben Becker gibt in Salzburg den Caligula. <br />
©Foto: Christina Baumann-Canaval

Aber auch einen „neuen“ Caligula hat die kommende Theatersaison zu bieten, und das dürfte spannend werden: Denn am Landestheater Salzburg verkörpert mit Ben Becker einer jener Schauspieler Camus‘ nüchtern-wahnsinnigen Kaiser, „die in der Kunst den Mut haben, alle Grenzen zu überschreiten“, wie es auf der Theaterseite zu Recht heißt. Und dass die Inszenierung in den Händen des Dramatikers John von Düffel (gemeinsam mit Marike Moiteaux und Ausstatterin Eva Musil) liegt, lässt immerhin auch einigen Tiefgang erwarten. Die Ankündigung trifft jedenfalls schonmal einen Nerv des Stücks:

Caligula ist die Tragödie maßlosen Machtwillens. Der vom Drang nach dem Absoluten besessene Caligula glaubt, die Treue zu sich durch die Untreue gegen die anderen gewinnen zu können. Caligula ist kein brutaler Despot, sondern ein raffinierter, intellektueller Verbrecher, der seine Untertanen immer weiter treibt, wie in einem Experiment, um zu prüfen, was sie alles erdulden. Als er endlich unter den Dolchen der Verschwörer zusammenbricht, sind seine letzten Worte: „Ich lebe. Ich lebe.“ – Eine indirekte Aufforderung, dass die Verpflichtung zum Widerstand nie erlischt.“

  • Salzburger Landestheater, Premiere: 2. September 2018. Weitere Vorstellungen: 21./23. September, 7., 9., 10. 25., 27. Oktober, 7., 8., 13., 20., 28., 30. November, 2. Dezember. Infos und Tickets hier.

„Ein Punk auf der Bühne“: Joachim Foerster als Caligula (vorne), Fréderic Brossier, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber (v.l.). Foto: © Oliver Berg

Ben Becker in Salzburg ist aber nicht der einzige „neue“ Caligula der Saison, denn auch das Theater Münster widmet sich einer (Neu-)Interpretation des vordergründig so irren, grenzenlos grausamen und machthungrigen römischen Kaisers, der bei Camus ja tatsächlich sehr viel vielschichtiger angelegt ist. Als „Ein Schocker mit Tiefgang“ wird die Inszenierung von Alexander Nerlich in der Münsterschen Zeitung angekündigt. „Wir haben einen Stoff gesucht, der radikal und grundsätzlich auf eine allgemeine Verunsicherung eingeht, die wir heute empfinden“, wird der Regisseur dort zitiert. Nerlich sieht Caligula demnach als „ein Punk auf der Bühne, aber durchtränkt von feurigen Ideen, die auf ernsthafte religiöse Gedanken zurückgreifen.“ In der Ankündigung des Theaters heißt es sehr treffend: „CALIGULA ist eine Parabel über Macht und Machtmissbrauch, sowie ein existentialistisches Drama über die Absurdität der Welt: Es ist nicht möglich, alles um sich herum zu zerstören und sich dabei nicht selbst zu vernichten.“ Das Theater weist ausdrücklich darauf hin, dass die Inszenierung erst für Menschen ab 16 Jahren geeignet ist.

♦ Theater Münster (Kleines Haus), Premiere: 21. September, 19.30 Uhr. Weitere Termine: 28.9., 6., 11., 13., 25., 26. Oktober, 22. November, 5. und 19. Dezember. Infos und Karten: (0251) 59 09-100.

 

Fréderic Brossier, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Joachim Foerster (Caligula).
© Oliver Berg

 

 

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