Schockstarre oder Selbstgerechtigkeit? Camus-Gesellschaft in Aachen lädt wieder zur Diskussionsrunde ein

Auch die Albert Camus-Gesellschaft in Aachen kehrt aus der Sommerpause zurück und lädt wieder einmal im Monat zum offenen Gesprächskreis ein. Wenn ich die Ankündigungen lese, tut es mir immer leid, nicht dabei sein zu können. Denn hier treffen sich keine Camus-Experten, die über die einzig gültige Auslegung der Textpassage xy im Vergleich zu yz debattieren. Das kann zwar auch interessant sein, aber mir gefällt, wie Gesprächsleiter Sebastian Ybbs immer wieder die Brücke von Camus zu ganz und gar gegenwärtigen Themen schlägt und die Teilnehmer*innen dazu bringt, nicht nur über Camus sondern auch über sich selbst und die Welt, in der wir leben, nachzudenken und sich darüber auszutauschen.

Schockstarre oder Selbstgerechtigkeit?
Wie reagieren wir, wenn wir Menschen in Not wahrnehmen?

So lautet das Thema zur Saisoneröffnung am kommenden Dienstag, 5. September. Als Impuls und Brücke zu Camus hat Sebastian Ybbs eine schöne Passage aus Der Fall gefunden:

«Es war eine Stunde über Mitternacht; ein feiner Regen fiel, ein Nieseln vielmehr, dass die vereinzelten Fußgänger verscheuchte. Ich kam eben von einer Freundin, die nun gewiss bereits schlief. Ich war glücklich über diesen Gang durch die Nacht, ein wenig benommen, und das Blut, das meinen beruhigten Körper durchpulste, war sanft wie der Regen. Auf der Brücke erblickte ich eine Gestalt, die sich über das Geländer neigte und den Fluss zu betrachten schien. Im Näherkommen gewahrte ich, dass es eine schlanke, schwarz gekleidete junge Frau war. Zwischen dem dunklen Haar und dem Mantelkragen war ein frischer, regennasser Nacken sichtbar, der mich nicht gleichgültig ließ. Eine Sekunde lang zögerte ich, dann setzte ich meinen Weg fort. Auf dem anderen Ufer schlug ich die Richtung zum Platz Staint-Michel ein, wo ich wohnte. Ich hatte schon etwa fünfzig Meter zurück gelegt, als ich das Aufklatschen eines Körpers auf dem Wasser hörte; in der nächtlichen Stille kam mir das Geräusch trotz der Entfernung ungeheuerlich laut vor. Ich blieb jäh stehen, wandte mich jedoch nicht um. Beinahe gleichzeitig vernahm ich einen mehrfach wiederholten Schrei, der flussabwärts trieb und dann plötzlich verstummte. In der unvermittelt erstarrten Nacht erschien mir die zurückgekehrte Stille endlos. Ich wollte laufen und rührte mich nicht. Ich glaubte, dass ich vor Kälte und Fassungslosigkeit zitterte. Ich sagte mir, dass Eile not tat, und fühlte, wie eine unwiderstehliche Schwäche meinen Körper überfiel. Ich habe vergessen, was ich in jenem Augenblick dachte. „Zu spät, zu weit weg ..“ oder etwas Derartiges. Regungslos lauschte ich immer noch. Dann entfernte ich mich zögernden Schrittes im Regen. Ich benachrichtigte niemand.»¹

Termin: Dienstag, 5. September, 20 Uhr, im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen (kein Eintritt). Weitere Termine: 17. Oktober, 7. November, 5. Dezember.

¹ Albert Camus, Der Fall. Deutsch von Guido G. Meister. Rowohlt Sonderausgabe März 1961, Seite 75-76. Originalausgabe: La chute, Gallimard, Paris 1957.

 

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Ein Kommentar zu Schockstarre oder Selbstgerechtigkeit? Camus-Gesellschaft in Aachen lädt wieder zur Diskussionsrunde ein

  1. Klaus Stoevesandt sagt:

    Lieber Herr Ybbs!
    Dieser Artikel erinnert mich an meinen Besuch in Ihrem Aachener Kreis im Februar. Mein Weg mit Albert Camus begann ja schon in den sechziger Jahren mit diesem Roman „Der Fall“. Daher ist mir dieses Zitat noch sehr vertraut. Allerdings warnen besonders auch die letzten Sätze des Romans bis in unsere Zeit hinein
    Hoffentlich nicht immer.
    In Le Chambon (siehe oben „Neuste Kommentare“) sprachen wir über Menschen, die nicht zu spät kamen.
    Mit freundlichen Grüßen Klaus Stoevesandt

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