Ich wünsche uns ein Weihnachtswunder

WeihnachtsbaumWuppertal, 24. Dezember 2014. Es fiel und fällt mir schwer in diesen Tagen, in den Blog zu schreiben. Gelernt zu haben, mit den Widersprüchen zu leben, ohne dass einen dabei ständig der Geist der Schwere zu Boden zieht, die Widersprüche auszuhalten und sie auszubalancieren mit der Eleganz einer Seiltänzerin – unter all dem, was so zur Lebenskunst dazugehört, stellt das wohl die Königsdisziplin dar. Nach jahrzehntelanger Übung bin ich darin mittlerweile schon ganz gut, aber die Weihnachtszeit stellt dabei doch eine besondere Herausforderung dar. Drinnen: graue, aber gemütliche Wintertage, erhellt vom Kerzenschein, Wärme im kuscheligen Zuhause. Sich Zeit nehmen für das Zusammensein mit Freunden und Familie, Plätzchen backen, Päckchen packen. Wie gut es mir geht. Draußen: Die Welt, die so ganz und gar nicht in Ordnung ist. Menschen zu abertausenden auf der Flucht vor Krieg, Terror und Not; Menschen von denen einige (auch) bei uns stranden und nichts (mehr) haben von all dem, woran ich mich freuen kann. Ja, sie treffen (auch) auf Hilfsbereitschaft und Solidarität; ja, es gibt Menschen, die die Arme öffnen und sie willkommen heißen. Aber die Schlagzeilen beherrschen seit Wochen jene beschämend vielen Menschen, die auf die Straße gehen und dabei ihre diffusen Ängste, ihre Dummheit, Ignoranz und Selbstgerechtigkeit ebenso vor sich hertragen wie ihre plakativen Parolen gegen alles, was fremd ist und angeblich das christliche Abendland im Inneren bedroht. Es macht mich wütend und ratlos, und dass es so viele sind, macht mir Angst. Nein, gewiss sind nicht alle, die dort mitlaufen, Rechtsradikale und verkappte Nazis. Aber jeder, der sich für einen braven Bürger hält und dort mitläuft, sollte wissen: Da sind etliche darunter, die den Pestbazillus von Rassismus und Fremdenhass in sich tragen. Und jeder, der dort mitläuft, trägt dazu bei, ihn weiter zu verbreiten, ob er will oder nicht.

Dabei will ich heute eigentlich gar nicht daran denken, es ist Weihnachten, die Welt soll draußen bleiben. Was ich mir jetzt wünsche, ist ein Weihnachtswunder: Dass sich alle, einfach alle Menschen, die heute Weihnachten feiern, daran erinnern, dass Weihnachten ein Fest der Liebe ist, und dass Jesus als Flüchtlingskind geboren wurde. Ich wünsche mir, dass die Weihnachtsbaum- und auch die Chanukka-Kerzen, die heute Abend brennen werden, nicht nur die Zimmer erhellen werden sondern auch die Herzen (und auch jene Köpfe, die es nötig haben), auf dass alle, einfach alle Menschen, die heute feiern, diese wunderbare Kraft (wieder-)entdecken, diese einzige Kraft, die niemals weniger wird, je mehr man von ihr abgibt, und dass sie hinausgehen in die Welt, ins Leben und auf die Straßen, um sie dort zu verschwenden, bis auch der und die Letzte, die heute noch fremdenfeindliche Parolen verbreiten, sich beschämt davonschleichen.

*

Dabei wollte ich meinen Blog-Leserinnen und -Lesern doch eigentlich nur ein frohes Fest wünschen… Eine Weihnachtspredigt sollte es nicht werden, und auch keine Morallehre. Aber wenn, ja wenn ich hier doch eine Morallehre schreiben müsste, dann hielte ich es mit Camus:

„Wenn ich hier eine Morallehre schreiben müsste, würde das Buch hundert Seiten umfassen, und davon wären 99 leer.
Auf die letzte würde ich schreiben: ‚Ich kenne nur eine einzige Pflicht, und das ist die Pflicht zu lieben‘.“ (1)

In diesem Sinne. Ich wünsche allen ein schönes, frohes, friedvolles Fest. Fröhliche Weihnachten, joyeux noël, Chanukka sameach und Salam Aleikum!

 

 

 

(1) Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Copyright © 1963,1967 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, S. 36. Notiz vom September 1937.
P.S. Den schönsten Weihnachtsbaum von allen hat in diesem Jahr meine Freundin Patricia, von der das Foto oben stammt.
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5 Kommentare zu Ich wünsche uns ein Weihnachtswunder

  1. Florian Hauenschild sagt:

    Solange wir keine Menschen sind, wird sich daran nichts ändern. Wir sind Österreicher, Deutsche, Schweizer, Franzosen etc., aber keine Menschen. Wir sind Katholiken, Juden, Moslem usw., aber keine Menschen.
    Erst wenn der Mensch aufhört „sich zu kategorisieren“ und somit langsam beginnt, die Grenzen einzureißen, kann eine Besserung stattfinden.

    Aber leider ist im Moment genau das Gegenteil der Fall.

  2. Cay Gabbe sagt:

    Sehr geehrte, liebe Frau Reif,
    ja, die Widersprüche sind kaum auszuhalten. Als jemand der in der Entwicklungspolitik gearbeitet hat, haben sie mich schon seit Jahren verfolgt und mir war bewusst, dass wir hier in Deutschland und Europa auf einer kleinen „glücklichen“ Insel leben. In diesem Jahr wollte mir aber das Erzählen über das eigene Leben in 2014, über Familie und Freunde gar nicht richtig gelingen – die Problemberge um uns herum wurden mir unheimlich, vor allem der Krieg in der Ukraine.
    Wünsche für ein friedliches neues Jahr sind diesmal wahrlich keine Floskel mehr.
    Schon sehr lange habe ich mich gewundert, wie selbstverständlich wir in Europa dieses wichtige Gut seit Jahrzehnten genommen und wie leichtfertig wir damit umgegangen sind.
    Der kriegerische Osteuropa-Konflikt ist für mich seit Februar wie ein Albtraum: ohne Möglichkeit einer Einflussnahme zusehen zu müssen, wie laufend Fehler gemacht werden, die Eskalation trotz aller Bemühungen immer weiter steigt, zu erleben wie zwei Großmächte, die über Atomwaffen verfügen (die immer noch die gesamte Welt in die Luft sprengen können) und die beide labil erscheinen, weil sie mit erheblichen innenpolitischen und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben, meinen, den Ukraine-Konflikt mit Drohung, Gewalt, Rechtsverletzungen lösen zu können – das in einer Zeit, in der es auf beiden Seiten kein Vertrauen mehr gibt (für die Feststellung der Zerstörung des gegenseitigen Vertrauens berufe ich mich mal auf den recht verzweifelt wirkenden Gorbatschow…) und in einer Situation, in der viele Handelnde sich wohl der Gefahr, in der wir schweben, nicht mehr (wie früher im Kalten Krieg!) bewusst zu sein scheinen.
    So fragte eine Zeitung kürzlich den polnischen Außenminister, ob es richtig sei, dass „die Nato auf einen Krieg mit Russland verzichtet“ hat. Ich rieb mir die Augen. Halten sie einen Krieg mit Russland wirklich für führbar? Kann ein „Verzicht“ auf einen Krieg mit der Atommacht Russland überhaupt falsch sein? Und der ukrainische Staatspräsident Poroschenko meinte, er habe keine Angst vor einem Krieg mit russischen Truppen und die Ukraine sei „auf das Szenario für diesen totalen Krieg vorbereitet“ – Totaler Krieg? Ob er wirklich weiß, was er da sagt?
    Absurde Sichtweisen in einem brandgefährlichen geopolitischen Machtkampf uralten Musters! Absurd vor allem aber auch deshalb, weil die Konfliktparteien sich eigentlich gemeinsam mit aller menschlichen Vernunft, mit all ihren technologischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und finanziellen Mitteln um die Bewältigung der zahlreichen globalen Probleme (Ressourcenknappheit, Klima, Internationaler Terrorismus usw.) kümmern müssten, die seit Jahren ungelöst auf der weltpolitischen Agenda stehen und immer drängender werden.
    Aber ich bin ja Anhänger von Camus und seinem Mythos von Sisyphos. Also hoffe ich darauf, dass 2015 gute Schlussfolgerungen aus diesem völlig überflüssigen, absurden Konflikt des Jahres 2014 gezogen werden (die berühmte Chance, die in Krisen steckt; vielleicht besteht sie auch diesmal und wird ergriffen!). Für mich gilt weiter (weniger philosophisch formuliert): ich will nicht anfangen, aufzuhören und nicht aufhören, immer wieder anzufangen.
    Großen Dank, dass Sie Ihren Blog weiterführen und für die immer wieder interessante und anregende Lektüre.
    Herzliche Grüße
    Cay Gabbe

  3. Stefan Mensah sagt:

    An Camus angelehnt könnte man von einer absurden Situation sprechen.
    Absurd, dass die Menschen, vor allem die Mächtigen, die die Konsequenz ihres Tuns im Krisenhandbuch nachlesen können, nicht zueinander finden. Absurd, dass die Schönheit und der Reichtum der Erde und der Kulturen nicht friedlich geteilt werden können.
    Das ist es, was sich ändern muss.
    Wenn es nicht von oben geändert wird, dann von unten. Was ungleich schmerzvoller für alle Betroffenen wird.
    Die Hoffnung stirbt zuletzt…es gibt eine Chance, die uns zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte zur Verfügung steht. Globale Kommunikation!
    Insofern möchte ich Sie ermutigen, weiter zu machen. Jede kleine Geste und jedes aufklärende Wort ist in diesem einen Moment das Wichtigste von allen. Auch wenn es nicht von Allen gehört werden kann oder gleich einen Orkan auslöst. Doch alles, was wir tun, ist mehr als das, was wir unterlassen.

    Frohe Weihnachen liebe Anne-Kathrin Reif.

  4. Heiter sagt:

    Frohe Weihnachten 🙂
    PH

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