Fang der Woche: Was Dr. Meursault mit dem Zustand der Zeitungsbranche zu tun hat

Natürlich gehört es längst zu meinem Alltag, in den Tiefen des Worldwideweb immer mal wieder nach Camus-Fundstücken Ausschau zu halten, um damit regelmäßig die Rubrik Aktuelles zu füttern. Fischen im Netz sozusagen. Ein Camus-Vortrag von Prof. Dr. Friedhelm Decher, der unlängst beim Attendorner Kunst- und Kulturverein stattgefunden hat, war mir dabei zwar entgangen – die Besprechung der Veranstaltung in Der Westen, dem Online-Portal der WAZ, hatte ich aber unversehens an der Angel. Was mich prompt dazu inspirierte, hier die neue Rubrik Fang der Woche aufzumachen und in Zukunft hin und wieder von meinen Fischzügen zu berichten. Unter dem Titel Zeit für das Absurde berichtet der Rezensent/die Rezensentin (ein Autorenname findet sich nicht) voll des Lobes: „Über zwei Stunden zog der Referent, der zwischendurch auch die zahlreichen Zwischenfragen erschöpfend zu beantworten wusste, die Zuhörerschaft mit seiner Vorlesung in seinen Bann, was durch den lang anhaltenden Beifall der Besucher zum Schluss auch offenkundig wurde.“

Schade nur, dass die Besucher wohl zufrieden aber nicht unbedingt klüger nach Hause gegangen sind, jedenfalls wenn man die Erkenntnisse des Berichterstatters/der Berichterstatterin als Maßstab nimmt. – Aber nein, das ist zu hart. – Immerhin wurde der „auch von eingefleischten Lesern nur schwer zu enträtselnde Begriff des Absurden“ so plastisch dargestellt, „dass sich am Ende jeder etwas darunter vorstellen konnte.“ Und wir erfahren, dass der junge Camus „nach Besuch des Gymnasiums in vielfachen Studiengängen eingeschrieben war“, was vermutlich selbst noch Camus-Spezialist Olivier Todd in Erstaunen versetzen dürfte, schreibt er doch davon gar nichts in seiner 900-Seiten-Biografie. Verblüfft erfahren wir auch, dass Meursault, Protagonist des Romans Der Fremde und ein kleiner Büroangestellter in Algier, inzwischen offenbar promoviert wurde, denn „mit der Vorstellung der Hauptperson im Roman, Dr. Mersault“ lieferte der Referent angeblich „den Nachweis über die Vorstellungen, die sich Albert Camus von der Absurdität des Lebens machte.“ – „Es ist dann die Tragik des Schicksals, dass Camus, der viel zu früh durch einen Autounfall starb, seine Philosophie in Richtung «Auflehnung» (gegen das Absurde!), an der er bereits arbeitete, nicht weiterentwickeln konnte“, resümiert die Rezensentin/der Rezensent mitfühlend.

Ganz recht, verwunderter Blog-Leser, aufmerksame Camus-Freundin, da bleiben Fragen. Dass Friedhelm Decher, Professor für Philosophie an der Universität Siegen, Autor etlicher Bücher und mit einem renommierten Wissenschaftspreis bedacht, bei seinem Vortrag dermaßen daneben gegriffen haben sollte, ist eigentlich schwer vorstellbar. Sollte das also nicht der Fall sein, müsste er die überaus freundlich-lobende Berichterstattung der WAZ wohl als Ruf schädigend empfunden haben. Wahrscheinlicher ist es wohl, dass nicht der Referent von so profunder Ahnungslosigkeit gezeichnet war als vielmehr der Berichterstatter/die Berichterstatterin.

Und das tut mir persönlich weh. Denn es wirft ein Schlaglicht auf den Zustand der Redaktion einer großen Tageszeitung, der freilich inzwischen in weiten Teilen der Branche zur Normalität geworden ist. Keine qualifizierte Kulturredakteurin, so es sie in der Redaktion einer Regionalzeitung überhaupt noch gibt, hat unter dem täglichen Produktionsdruck jemals Zeit, sich am Nachmittag zwei Stunden lang in einen philosophischen Vortrag zu setzen. Kein fachkundiger freischaffender Kollege kann es sich leisten, qualifizierte Berichte für jene Centbeträge abzuliefern, die bei regionalen Tageszeitungen in der Regel bezahlt werden. Freie Mitarbeiter(innen) werden folglich zunehmend aus dem Pool der Schülerpraktikant(inn)en rekrutiert und – „wir hätten da noch diesen Termin, geh du mal dahin“ – ahnungslos losgeschickt. Kann ja auch gut gehen. Oder eben nicht.

Die Auflagen der Tageszeitungen sind schon seit geraumer Weile im Sinkflug. Die Qualität oft genug leider auch. Unter dem Druck der nicht nur bei der WAZ verordneten Sparzwänge alles andere als verwunderlich. Nur: Abonnenten hält man damit sicher nicht. „Hauptsache, wir haben’s irgendwie im Blatt“? Pardon, liebe Chefredakteure, Verleger und Verlagsgeschäftsführer, die Ihr eine solche Haltung mit verantwortet: Das ist einfach zu wenig.

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Und jetzt noch mal schnell für alle Attendorner WAZ-Leser(innen), die sich vielleicht auf die Seite hier verirrt haben und gar nicht verstehen, warum ich mich über die hübsche Kritik in ihrer Zeitung doch ein klein wenig aufgeregt habe, fasse ich mal kurz zusammen: Camus hat nach seinem Gymnasialabschluss Philosophie studiert und mit Diplom abgeschlossen (für den Erwerb der Lehrbefugnis mussten freilich Teilprüfungen in Ethik, Soziologie, Psychologie und Literatur absolviert werden). Der zentrale Begriff des Absurden ist nicht sonderlich schwer zu enträtseln sondern wird von Camus im Mythos von Sisyphos (und auch in so ziemlich sämtlichen Werken der Sekundärliteratur) klar dargelegt. Mersault ist nicht der Protagonist aus dem Roman Der Fremde sondern aus Der glückliche Tod. Der Doktortitel gebührt nicht Meursault aus Der Fremde sondern dem Arzt Rieux, Hauptperson in Die Pest. Camus hat seine Philosophie nicht nur durchaus „in Richtung Auflehnung weiterentwickelt“ sondern diesen Teil seines Werkes sogar abgeschlossen. Durch den tragischen Unfalltod abgerissen wurde indes seine Arbeit am dritten Werkstadium, welches der Liebe gewidmet sein sollte.

Was mich bei der ganzen Geschichte tröstet, ist die Tatsache, dass ein Camus-Vortrag in Attendorn am Nachmittag immerhin ca. 80 Zuhörer(innen) anzulocken vermochte und diese vermutlich durchaus um etliche Gedanken und Erkenntnisse bereichert nach Hause gingen, die hoffentlich so falsch dann doch nicht waren. Ich wüsste zu gern mehr darüber. Sie waren dort? Bitte berichten Sie! In diesem Sinne: Merci et à bientôt!

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