Existenzialistischer Horrortrip, heiterer Revolutionsabgesang und Terroristen mit Seele: Premieren-Rückblick und März-Vorschau

„Terroristen mit Seele“: Szene aus „Die Gerechten“ am Staatstheater Oldenburg (v.l.): Agnes Kammerer (Dora Dulebow), Nils Andre Brünnig (Alexej Woinow), Yassin Trabelsi (Boris Annenkow), Magdalena Höfner (Stepan Fjodorow), Johannes Lange (Iwan Kaljajew). ©Foto: Stephan Walzl

Nach gleich drei Premieren im Februar lässt sich der März in Sachen Camus etwas geruhsamer an. Zeit also, erst noch einmal zurückzublicken und zu fragen: Wie war es denn nun? Leider kann ich das nur aus zweiter Hand berichten, hier aber wenigstens eine kleine Presseschau.

Wien: Existenzialistischer Horrortrip mit enervierenden Koloratursopranduellen?

Am spannendsten erschien mir im Vorhinein die Uraufführung der Le Malentendu-Kammeroper von Fabian Panisello bei der Neuen Oper Wien, denn dass Camus in Musik umgesetzt wird, kommt ja nicht so häufig vor. Die Kritik im Standard lässt allerdings leichte Zweifel aufkommen. „Und tatsächlich hat die zersplitterte, zerfaserte Musik von Panisello oft spukhafte Züge: Die Partitur scheint von einer insektenhaften Betriebsamkeit erfüllt und gleicht einem beweglichen Klangmosaik der 100 Partikularinteressen, des solipsistischen Gewusels, der kleingehackten, faschierten Motive. Stimmen wispern und raunen. In Summe jedoch eine Musik, die nur begrenzt sinnliche Kraft entfaltet“, schreibt der Kritiker Stefan Ender. Martha (Anna Davidson) liefere sich „enervierende Koloratursopranduelle“ mit Maria (Gan-Ya Bengur Akselrod), heißt es weiter, und: „Die Mutter (Edna Prochnik) muss sich das zum Glück nicht mehr anhören, die ist da schon tot.“ Lob gibt es immerhin für die „glänzenden Sänger“, für Regie, „geschmackvolle Ausstattung“, „stimmungsstarke Videoprojektionen“ und Beleuchtung. „Beifall für alle nach existenzialistischem Horrortrip.“ Das ist hübsch formuliert, aber wie immer bei besonders hübsch formulierten schlechten Kritiken ist Vorsicht geboten und zu fragen, wie viel Anteil des Kritikers Freude an hübschen Formulierungen dabei hat, und wie groß sich der sachliche Anteil demgegenüber ausnimmt. Am besten man macht sich selbst ein Bild, was in diesem Fall aber schon deshalb nicht möglich ist, weil das Stück in dieser Saison nicht mehr auf dem Spielplan steht.

Hannover: Heiterer Revolutions-Abgesang als Sketch-Parade?

Gleich zwei Häuser brachten im Februar Die Gerechten neu heraus. „Am Staatstheater Hannover inszeniert Alexander Eisenach Camus‘ Drama als heiteren Abgesang auf die revolutionäre Linke“, titelt dazu nachtkritik.de in der Premierenbesprechung. Den Beschreibungen von Christian Rakow nach scheint es bei der Inszenierung recht frei und ziemlich launig zuzugehen. «Die Vollblutkomikerin Lisa Natalie Arnold legt ihre Bombenbastlerin Dora mit launigen Punchlines wie eine Jeanne d’Arc für die Sesamstraße an. Wenn sie mit Henning Hartmann als Kaljajew die Ethik des Attentats erörtert, klingt’s, als rückten zwei Ganoven zum Tresorknacken vor. Wolf List verkriecht sich als Anführer der Gruppe ganz in sich selbst, während Beatrice Frey mit einem furiosen Solo akribisch einen überdimensionalen Stadtplan ausbreitet. Selbst der Chefagitator Stepan (Jonas Steglich) redet lieber von „Bömbchen“ als von Bomben. Der Abend sucht die Sketch-Parade, Knallfrösche statt Sprengköpfe.» Ist denn das immerhin gelungen? Dir Kritik, die durchaus starke Momente hervorhebt, bleibt da ähnlich in der Schwebe wie vielleicht die Inszenierung: «In Hannover sucht er mit Camus die Balance zwischen „Schwank oder Drama, Saft oder Blut, Klamauk oder Leben“, wie es im Finale heißt. Aber er balanciert eher über allen Gegensätzen als mittendurch.»

Weitere Vorstellungen: 5., 10., 26. März, 8., 11., 21. April, jeweils 20 Uhr, Einführung 19.15 Uhr. Infos: www.staatstheater-hannover.de.

Und hier noch ein kurzer Einblick in die Inszenierung per Video:

Oldenburg: Der Terrorist als Mensch mit Seele?

Am Staatstheater Oldenburg dagegen scheint Oberspielleiter Peter Hailer eine sehr textnahe Inszenierung der Gerechten auf die Bühne gebracht zu haben, die auf jedwede augenfällige Aktualisierungen verzichtet. Wurde das Stück in Oldenburg 1977 noch nach Protesten abgesetzt (einen Tag nach der Premiere war der damalige Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von Terroristen der Roten Armee Fraktion entführt und ermordet worden), so geht es diesmal skandalfrei zu. Camus‘ Text komme in der „zügigen Inszenierung“ von Peter Hailer nicht als dialoglastiges Ideendrama daher, schreibt Regina Jerichow in der Nord-West-Zeitung, und weiter: „Er betont die überzeitlichen Themen von Gerechtigkeit und Moral, von Idealismus und Gewalt. Es geht um Hass, aber auch um Liebe und Zweifel. Der Regisseur macht aus den Attentätern beileibe keine Sympathieträger, aber er zeigt sie als Menschen mit Seele und individuellem Schicksal.

Weitere Vorstellungen: 4. und 9. März, 4., 9., 25. April, 18. Mai und 23. Juni, jeweils 20 Uhr. Infos: www.staatstheater.de

Weiterhin auf den Bühnen:

Caligula, Theater Basel: 3. März, 18. April (Dernière)
Das Missverständnis, Figurentheater Ravensburg e.V.: 25. März.
Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung, Bühnenadaption des Romans von Kamel Daoud, Münchner Kammerspiele: 26. März.
Der Fremde, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin: 4. und 5. März (13. und 14. April).
Der Fremde, Euro Theater Central, Bonn: 2. und 31. März.
Die Gerechten, Euro Theater Central, Bonn: 3. und 4. März.
Die Gerechten, Theaterhaus Jena: 22. und 23. März.

Und im April geht’s weiter: 

Zuletzt schon mal einen Vorblick auf den April: Anfang des Monats nimmt das fringe ensemble im Bonner theater im ballsaal seine länger nicht mehr gespielte Bühnenfassung von Camus‘ Die Pest wieder auf. Ich erinnere mich noch gut an den Besuch der Vorstellung beim Festival Vive Camus! im Januar 2016 in Bonn – die intensiven Eindrücke von einst lassen sich leicht wieder abrufen. Nachzulesen hier im Blog: Oran liegt in Bonn-Endenich. Vorstellungen sind am 4., 6., 7. und 8. April, 20 Uhr. Karten kosten 14 Euro (ermäßigt 9 Euro) und sind zu bestellen unter Telefon 0229/ 797901.

 

 

 

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