Es ist die rote Jahreszeit…

Vaucluse, 17. Juni. Fast immer, wenn ich durch diese wunderbare Landschaft gefahren bin, war es schon hoher Sommer. Was für eine Freude, wenn die ersten Lavendelfelder in Sicht kommen! Dann weiß man: Jetzt ist er da, der Süden mit all den Genüssen, die er verspricht. Diesmal aber sind noch keine blauvioletten Kissen über die Landschaft gebreitet. Hier und da blitzt zwar schon etwas Zartblaues aus dem Silbergrau hervor, aber die meisten Pflanzen haben ihre Blütenaugen noch nicht geöffnet. Statt in Lila-Blau-Violett ist die Landschaft diesmal in Rot getaucht.

„Es ist die rote Jahreszeit. Kirschen und Mohn”

notierte Camus am 21. Mai 1959 ins Heft (1). Knapp einen Monat und 55 Jahre später stimmt es immer noch. Mohnblumen leuchten zwischen noch grünen Ähren und von der Sonne nur leicht blondiertem Gras hervor, und beinahe endlos säumen die Kirschgärten und Plantagen die Straßen. Die Zweige biegen sich unter der Fülle der Früchte, die in allen Abstufungen des Rotspektrums von hellem Gelborange bis tiefdunklem Schwarzrot glänzen. Ich staune: Ich wusste nicht, dass es überhaupt so viele verschiedene Kirschsorten gibt. Klar, dass beim Spazierengehen die eine oder andere davon getestet werden muss – man braucht ja nur die Hand auszustrecken. Köstlich!

Bei der Touristeninformation in Apt decke ich mich mit Infomaterial über die Gegend ein. Die Kirschen sind das Titelthema des kostenlos ausliegenden Journal du Luberon: „La cerise, star de nos paniers…“– die Kirsche, Star unserer Körbe. Der Artikel preist die „roten Diamanten“, welche jetzt die Landschaft – und die Teller – bedecken, und die zu Konfitüren, Säften und Sorbets verarbeitet werden. Und natürlich in Zucker getaucht in die fruit confits verwandelt werden, für die Apt berühmt ist. Ich erfahre, dass ein guter Pflücker zwischen 18 und 22 Kilo in der Stunde erntet, und dass es schier unzählige Sorten gibt: Burlat, Primulat, Earlise, Folfer, Giant Red, Ferdouce, Grace Star, Sweatheart, Newmoon, Belge, Noire de Meched, Coeur de pigeon, Reverchon, Montmorency, Griotte, Napoleon, Camus…  Moment mal… Camus?

„Ja, es gibt eine Sorte, die Camus heißt”, bestätigt mir eine Kirschspezialistin, die am Straßenrand direkt vor dem Eingang zu ihrer Plantage die Ernte verkauft – 2 Euro das Kilo. „Aber wir haben die nicht“, ergänzt sie. Die Camus-Kirsche ist gelb-rot, groß, süß und sehr knackig, klärt mich die Internetseite eines lokalen Spezialisten für alte Obstsorten auf. Mit Albert hat sie vermutlich genauso wenig zu tun wie der Camus-Cognac, schätze ich, aber spaßig ist es trotzdem. Vielleicht habe ich beim Spazierengehen ja sogar schon unversehens eine Handvoll kleine süßrote Camus‘ verspeist…

Le Journal de Luberon liefert übrigens auch gleich ein Rezept für ein Kirsch-Clafouti mit, eine Art Kreuzung zwischen Eierpfannkuchen und Tarte und ein Klassiker der französischen Küche. Clafouti mit Camus-Kirschen – und danach einen Camus-Cognac. Den dritten Gang eines Camus-Menüs hätten wir also schon mal… Bon appétit!

(1) Albert Camus, Tagebücher 1951-1959. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 338.
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