Eine kleine Hymne auf das Warten

Die Zeit verfliegt. Immer gibt es zu wenig davon, egal ob man gerade ein Buch schreibt oder die Wohnung putzt, ob es um Freizeit oder zu erledigende Arbeit geht oder ob man es aufs Ganze des Lebens hin betrachtet. Jeder kennt das. Warum ich es trotzdem erwähne? Weil es der Grund ist, warum es in diesem Blog von heute an nicht mehr jeden Tag einen Eintrag geben wird. Ich habe in den ersten zwei Wochen dieses Jahres viel Zeit mit Camus verbracht und werde das auch weiterhin tun. Aber man wird nicht mehr  jeden Tag davon lesen können. Jedenfalls nicht, solange die Sache mit dem „Zitat des Tages“ nicht geklärt ist. Heute teilte mir der Gallimard-Verlag mit, man habe die Anfrage an die Camus-Erben weitergeleitet. Das dürfte dann immerhin die letzte Instanz sein, deren Einverständnis noch abzuwarten ist. Es sei denn, die Erben teilen mit, sie würden erstmal Kontakt mit Camus aufnehmen wollen. Dann könnte es bis zu einer Entscheidung allerdings noch eine Weile dauern.

Beim Warten wiederum verfliegt die Zeit nicht, sie zieht und schleppt sich dahin oder scheint gar stillzustehen. Insofern müsste das Warten eigentlich unsere Lieblingsbeschäftigung sein, enthebt es uns doch zumindest für eine Weile unserer verfliegenden Endlichkeit. Ob ich auf den Gedanken irgendwann vor langer Zeit mal alleine gekommen bin, oder ob er mir nicht doch zuerst bei Camus begegnet ist, kann ich gar nicht mehr sagen. Es ist Jean Tarrou, der in Die Pest die Frage stellt: „Was tun, um seine Zeit nicht zu verlieren?“ und sich selbst die Antwort gibt: „Tage im Wartezimmer eines Zahnarztes auf einem unbequemen Stuhl verbringen; den Sonntagnachmittag auf seinem Balkon verleben; sich Vorträge in einer Sprache anhören, die man nicht versteht; die längsten und am wenigsten bequemen Eisenbahnverbindungen aussuchen und natürlich stehend reisen; an der Theaterkasse Schlange stehen und dann seine Karte nicht benutzen usw.“ (1). Ich füge in Gedanken noch „auf die Entscheidung von Rechte-Inhabern warten“ hinzu und freue mich über das so gewonnene verlängerte Zeitgefühl. Damit keiner hier ständig vergebens reinguckt und dann die Lust verliert, empfehle ich, den Blog zu abonnieren (kost´ ja auch nix). In diesem Sinne: à bientôt!

(1) Albert Camus, Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1997, S. 34.
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3 Kommentare zu Eine kleine Hymne auf das Warten

  1. Koray sagt:

    Ich hoffe die Erben werden sich zugunsten der Leser entscheiden. Weiterhin hoffe ich wie meine vorangehenden Kommentatoren, dass Sie weiter kontinuierlich Beiträge über unseren geliebten Camus schreiben. Wenn nicht täglich, dann doch bitte wöchentlich oder alle zwei Tage! 🙂

  2. Hildegard Boxberg sagt:

    Liebe Anne,
    ich schließe mich der Bitte von Tilman Schaub an – es ist auch für mich schon ein kleines Ritual geworden, mich mit Deiner Hilfe täglich mit Camus zu treffen! Das würde ich sehr vermissen.
    Ich drück die Daumen für eine positive Antwort der Erben!

  3. Tillmann Schaub sagt:

    Der kleinen Hymne auf das warten erlaube ich mir eine Ruhrgebiets Hymne hinzuzufügen:
    http://www.youtube.com/watch?v=ltCgbRDusO4&feature=youtube_gdata_player

    In diesem Sinne bittte ich im Namen aller begeisterten „365 Tage Camus“ Leser: Liebe Anne, bitte mache weiter! Gerade wenn in Frankreich das Erinnern an Camus im politischen Streit unterzugehen droht, ist es wichtig, dass in dem Land, dem Camus als einer der Ersten nach dem II. Weltkrieg die Hand zur Versöhnung ausgestreckt hat, die Auseinandersetzung mit seinem Werk allen Widrigkeiten zum Trotz fort gesetzt wird.
    Meinen Mittagsschlaf kann ich erst nach der täglichen Lektüre „365 Tage Camus“ antreten. Was soll werden, wenn unter dem Kalenderblatt von Gestern das Heutige nicht erscheint. Ein absurder Gedanke, der der Idee des Sisyphos doch sehr widerspricht?

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