Ein Totenreich am leuchtenden Meer, auf der lächelnden Erde

Von Cimetière Marin aus blicken die Gräber aufs Meer hinaus. © Foto: akr

Von Cimetière Marin aus blicken die Gräber aufs Meer hinaus. © Foto: akr

Sète, 8. Juli. Zum Abschied von Sète ein Spaziergang über einen der vermutlich schönsten Friedhöfe der Welt. Der Cimetière Marin zieht sich am alten Ortsrand hinter dem Hafen einen Hügel hinauf. Weit geht der Blick von dort übers Meer und verliert sich in fernem Blau. Dort liegen nicht nur die beiden berühmten Sètoiser Paul Valéry und Jean Vilar, dort liegen vor allem die vielen Fischer und Seeleute und ihre Familien und all die anderen Menschen dieses Ortes, deren Leben so eng mit dem Meer verbunden waren, und alle Gräber sind zum Meer hin ausgerichtet, als könnten die Toten noch den wundervollen Blick genießen. „Dort hat er einen schönen Platz“, sagen gewiss jene, die einen der ihren dort zu Grabe tragen, und es liegt etwas Tröstliches darin, einen geliebten Toten an einem schönen Platz zu wissen, obwohl man genau weiß, dass es eigentlich schon nur noch ein Haufen Knochen ist. Die Menschen und ihr Widersinn. Weiß leuchtet der Marmor der Gräber unter der mittelmeerischen Sonne, azurblau spannt sich weit der Himmel aus und vereinigt sich am Horizont fast ununterscheidbar mit dem Meer. Vollkommene Stille herrscht zwischen den Mauern, die die Gräber umschließen. Für einen Moment nimmt mich die Welt in ihr Schweigen auf. Der Strand mit seinen Sonnenschirmen, Liegestühlen und seinem Menschengewusel liegt weit unter mir außer Sicht- und Hörweite. Die Zeit steht still. Vom Himmel stürzt das Licht herab.

„Als er aber diese Welt noch einmal geschaut, das Wasser und die Sonne, die warmen Steine und das Meer wieder geschmeckt hatte, wollte er nicht mehr ins Schattenreich zurück.“

Dieses Meer dort, es ist noch immer das des Sisyphos, an dessen Ufern er noch lange lebte, nachdem er sich mit einer List aus dem Hades befreit hatte, dem Zorn der Götter zum Trotz: „am leuchtenden Meer, auf der lächelnden Erde.“

 

Zitate: Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos. Deutsche Übersetzung von Hans Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch, Rowohlt Verlag, Hamburg 1959, S. 98.
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Ein Kommentar zu Ein Totenreich am leuchtenden Meer, auf der lächelnden Erde

  1. Andreas Arnold sagt:

    Tolles Photo! Vielen Dank fuer diesen Blog den ich stets verfolge und der mich immer wieder fuer ein paar Minuten aus dem Alltag hinaus in eine andere Welt mitnimmt!

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