Ein Spielplatz für Sadisten? – „Caligula“ hatte am Hessischen Staatstheater in Darmstadt Premiere

Caligula (Christoph Bornmüller) schaukelt am Hessischen Staatstheater Darmstadt. Im Vordergrund seine Geliebte Drusilla (Gabriele Drechsel), hinten Stefan Schuster und Yana Robin la Baume. ©Foto: Robert Schittko.

Da habe ich den Caligula in Berlin und Düsseldorf in der Saisonvorschau angekündigt und dabei übersehen, dass er in Darmstadt schon längst gestartet ist… Aber beim Fischen im Worlwideweb rutscht halt öfter mal was durchs Netz. Premiere war am 25. August beim Hessischen Staatstheater Darmstadt, und so gibt es auch schon einige Premierenkritiken. Christoph Mehlers Inszenierung kommt dabei nicht sonderlich gut weg. Von „zähem Witzeaufsagen, langwierigem Hin und Her, strapaziösem Gezeter und Gezicke“ berichtet Shirin Sojitrawalla auf Nachtkritik.de; dass andererseits „dem Abend im Zusammenspiel des Schurken-Paares rührende Momente“ gelingen scheint da ein bisschen wenig. Stefan Benz wundert sich in der  Allgemeinen Zeitung unter der Überschrift „Spielplatz für Sadisten“: „Uli Aumüllers Übersetzung von Albert Camus‘ Drama ,Caligula‘ liest sich als Polit- und Psychothriller so packend, dass einem die Maßlosigkeit des Diktators erschreckend aktuell vorkommen muss. Das Darmstädter Staatstheater reagiert mit seiner ersten Saison-Premiere dieses selten gespielten Stücks also auf die Krise der Demokratien und den Vormarsch der Autokraten. Und das Bemerkenswerteste an Christoph Mehlers Inszenierung in den Kammerspielen ist, dass sie dieses Angebot konsequent ignoriert.“ Was stattdessen aus Sicht des Kritikers geboten wird, gibt der Text zwar durchaus her, klingt aber langweilig: „Caligula macht aus Rom ein Bordell, und bei Hofe ergehen sie sich unter der Sado-Schaukel ruckelnd und juckelnd in masochistischer Erregung.“ Auch Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau ist nicht überzeugt: „In den Kammerspielen in Darmstadt zeigt sich die Geschichte um den Politiker, der sich alle Freiheiten nimmt, als am Ende liebevoll, aber unverbindlich inszenierter Alptraum.

Aber wie immer gilt: Man muss sich selbst ein Bild machen.

Im Programmheft, das man über die Theaterseite runterladen kann, heißt es: «Regisseur Christoph Mehler liest „Caligula“ als „Oratorium für einen Despoten“, eine Sinn-Suche, bei dem alle Figuren des Stücks das Gedankenspiel eines Menschen sind. In Kaiser Caligulas Kopf kommt es dabei zu einer Verschiebung: von der Normalität zur Perversität. Ein großer, oft chorischer Todesgesang erklingt. Kaiser Caligula wird zum „Negativ Jesus“, der die Grundfesten der Gesellschaft erschüttert, sie auf den Prüfstein stellt und Möglichkeiten zu einer Umwälzung, einer neuen Gesellschaft gibt. Er tut das mit eigenem, schmerzhaften Einsatz, indem er sein Leben zur Disposition stellt. „Caligula“ als Spiel über Leben und Tod, Gott und Teufel und einen Kaiser, der sich seiner gestalterischen Machtposition bewusst wird und die hedonistische, vorteilsbedachte, egoistische Patriziergemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert.»

Ebenfalls dort findet sich ein Kurzinterview mit Christoph Mehler. Auf die Frage, warum das Stück gerade jetzt für ihn so wichtig sei, antwortet der Regisseur: „Caligula ist sicherlich ein wichtiges Stück, weil es uns dazu auffordert über den Sinn und Unsinn des Lebens nachzudenken. Es ist ein unangenehmes Stück, weil es uns keine Antworten liefert, sondern uns in Caligulas schrecklichen Abgrund zieht, in eine Welt voll Chaos, Hass und Gewalt. Ich lese das Material als einen Aufruf für Menschlichkeit, Solidarität, Altruismus, Empathie und Liebe.

Das hat Christoph Mehler aus meiner Sicht schön und richtig auf den Punkt gebracht. Nun bin ich aber sehr neugierig geworden, ob und wie sich diese Auffassung entgegen der Kritiken in seiner Inszenierung nicht vielleicht doch noch wiederfindet. Die Termine sind jedenfalls schon mal vorgemerkt!

Termine: 
2. und 9. September, 1. Oktober, 5. und 10. November, 22. und 27. Dezember. Info und Karten hier.

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