Ein kleines Experiment gegen die verfliegende Zeit oder „Meditieren mit Camus“

„Die Zeit verfliegt so schnell, weil wir sie nicht mit Wegmarken versehen. So auch der Mond im Zenit und am Horizont. Deshalb scheinen die Jugendjahre so lang, weil sie so ausgefüllt sind, und die Jahre des Alters so kurz, weil sie schon ihre feste Form haben. Bemerkenswert ist zum Beispiel, dass es beinahe unmöglich ist, einen Zeiger fünf Minuten lang über das Zifferblatt wandern zu sehen, so aufreizend endlos kommt es einem vor.“ (1)

Fünf Minuten auf ein Zifferblatt starren: Vielleicht wäre das eine gute Übung an so einem Tag wie heute, der mir schon durch die Finger rinnt, bevor er überhaupt richtig angefangen hat. Dieses Gefühl, dass die Zeit, außer im Urlaub, wenn man befreit von allen Verpflichtungen sich ganz bewusst der Muße hingeben kann, immer zu knapp ist, egal wie man es anstellt. Wie eine zu kurze Bettdecke. Irgendwo fehlt immer ein Stück, irgendein Körperteil wird immer kalt, egal wie sehr man daran zieht. Ein langer Arbeitstag liegt noch vor mir, die Wohnung ist ein Chaos, die fernen Freunde, die es gewohnt sind, Briefe von mir zu bekommen, müssen mit Blogeinträgen vorlieb nehmen, und die Liste der unerledigten Dinge wird einfach nicht kürzer. Und wirklich Zeit für Camus habe ich auch nicht. Und genau deshalb werde ich  jetzt fünf Minuten lang nichts anderes tun als zu beobachten, wie aufreizend langsam der Zeiger an der Uhr über das Ziffernblatt wandert. Meditieren mit Camus, gewissermaßen.

(1)  Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Copyright © 1963,1967 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, S. 16. Eintrag von Mai 1936.
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2 Kommentare zu Ein kleines Experiment gegen die verfliegende Zeit oder „Meditieren mit Camus“

  1. Dr Petra Herrmann sagt:

    Wunderbar, oder aufs Meer schauen, wenn man eins hat

  2. Toni, fast schon ein Freund sagt:

    Liebe Anne-Kathrin Reif
    Kennen Sie den Schlager „Halt die Welt an, stoppt die Zeiger der Uhren..“?
    Dem Peter Bichsel, dem Schweizer Dichter und Kolumnist, erging es ebenso wie Ihnen.
    In seiner Dorfkneipe war wenig los und die Zeit war so lang, weil langweilig.
    Ähnliches hat Waggerl berichtet, wenn seine Freunde aus der Stadt zu ihm kamen in seine Abgeschiedenheit und seine Ruhe bewunderten und sie auch so unbehelligt leben wollten. Nach zwei Regentagen sehnten sie sich nach einer Zeitung und was draußen in der Welt alles passierte.
    Prof.Paul Good, „den ich Ihnen gegenüber bereits erwähnte, hat mir die Begriffe des
    „Zugleich“ und „Gegenwendigen“ über einen Maler nahe gebracht.
    Selbst Rentner, so scheint es mir, sind in dieses Zeitempfinden eingebunden.
    Und wenn es die Zeit überhaupt nicht gibt?
    Ihre Camus-Zitate nebst Erklärungen zu lesen, ist das Gegenteil von Zeitverschwendung, auch wenn das Hörbuch vom Zauberberg ins Stocken gerät.
    Es grüßt Sie herzlich
    der Traubenweg

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