Ein kleiner Ausflug mit Camus am Sonntagnachmittag

April. Die ersten heißen Tage. Erdrückend. Alle Tiere liegen auf der Flanke. Merkwürdige Beschaffenheit der Luft über der Stadt im sich neigenden Tag. Die Geräusche, die emporsteigen und sich darin verlieren wie Luftballons. Unbeweglichkeit der Bäume und der Menschen. Auf den Terrassen maurische Frauen, die plaudernd auf den Abend warten. Kaffee wird geröstet, und auch sein Geruch steigt herauf. Zärtliche und verzweifelte Stunde. Nichts zu umarmen. Nichts, wovor man sich, vor Dankbarkeit vergehend, auf die Knie werfen könnte.” (1)

Notiert von Camus ins Tagebuch im April 1936 in Algier. Gelesen an einem sonnigen aber kalten Tag knappe 80 Jahre später in einer im Allgemeinen als grau bezeichneten mitteldeutschen Großstadt. Ein kleiner Ausflug im Kopf und die Erinnerung daran, wie sehr die Sehnsucht in der Seele brennen kann, (nicht nur) wenn man jung ist. Camus war 22 Jahre alt.

 

(1) Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. © 1963,1967 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, S. 19.
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Ein Kommentar zu Ein kleiner Ausflug mit Camus am Sonntagnachmittag

  1. Nicole sagt:

    Es ist doch immer wieder erstaunlich, dass die meist bewegenden Momente im Leben die sind, die man nicht greifen kann. Welch Reife, dies schon mit 22 zu erfahren. Welch Talent einen solchen Moment in Worte fassen zu koennen.

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