Ein Gruß an Sisyphos zum „Tag der Arbeit“

Sisyphe roulant éternellement son rocher (1819), Alexandre-Denis-Abel de Pujol (Frankreich 1787-1861).

Sisyphe roulant éternellement son rocher (1819), Alexandre-Denis-Abel de Pujol (Frankreich 1787-1861).

1. Mai, Tag der Arbeit. Tatsächlich ist für die allermeisten Menschen natürlich beinahe jeder Tag Tag der Arbeit, und kaum hat man das Tagwerk bewältigt, fängt alles wieder von vorne an. Gibt es überhaupt einen größeren Helden der Arbeit und passenderen Schutzheiligen aller arbeitenden Menschen als Sisyphos, den Helden des Absurden?
Die Götter hatten Sisyphos dazu verurteilt, einen Felsblock unablässig den Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein kraft seines eigenen Gewichts wieder hinunterrollte. Sie meinten nicht ganz ohne Grund, es gäbe keine grausamere Strafe, als unnütze und aussichtslose Arbeit.” (1)

Dieser Mythos sei deshalb tragisch, weil sein Held bewusst sei, schreibt Camus und fragt „Worin bestünde tatsächlich seine Strafe, wenn ihm bei jedem Schritt die Hoffnung auf Erfolg neue Kraft gäbe?” Und weiter: „Der Arbeiter von heute arbeitet sein Leben lang an den gleichen Aufgaben, und sein Schicksal ist genauso absurd. Tragisch ist es aber nur in den wenigen Augenblicken, in denen er sich dessen bewusst wird. Sisyphos, der ohnmächtige und rebellische Proletarier der Götter, kennt das ganze Ausmaß seiner elenden Lage: Über sie denkt er während des Abstiegs nach. Das Wissen, das seine eigentliche Qual bewirken sollte, vollendet zugleich seinen Sieg. Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.” (2)

Dass Sisyphos in der Unterwelt jemals einen freien Tag gehabt hätte, ist nicht bekannt. Wir dagegen haben heute, am Tag der Arbeit, einen arbeitsfreien Tag. Zeit, das zu genießen, worumwillen Sisyphos all seine Qual auf sich genommen hat. Denn vergessen wir nicht, wofür er sich die Strafe der Götter eingehandelt hatte: Mit einer List hatte er nach seinem Tod von den Göttern die Erlaubnis erwirkt, auf die Erde zurückzukehren. „Als er aber das Gesicht dieser Welt noch einmal geschaut, das Wasser und die Sonne, die warmen Steine und das Meer wieder geschmeckt hatte, wollte er nicht mehr in das Schattenreich zurück. Alle Aufforderungen, Zornesausbrüche und Warnungen fruchteten nichts. Er lebte noch viele Jahre an der Bucht des Golfes, am leuchtenden Meer, auf der lächelnden Erde.” (3)

 

(1) Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos. Deutsch von Vincent von Wroblewsky, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1999, S. 155. (2) a.a.O., S. 157f, Übersetzung von mir verändert, vgl. auch die Übers. von Hans Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch, Rowohlt 1959, S. 99. (3) a.a. O., S. 156, Übers. von mir verändert.
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2 Kommentare zu Ein Gruß an Sisyphos zum „Tag der Arbeit“

  1. Wolf Nebe sagt:

    »Der Arbeiter von heute arbeitet sein Leben lang an den gleichen Aufgaben, und sein Schicksal ist genauso absurd. Tragisch ist es aber nur in den wenigen Augenblicken, in denen er sich dessen bewusst wird.« Tragisch ist es aber auch in dem Augenblick, wenn Mann erkennt, dass er trotz allem Workout nicht an die Schönheit dieses Sisyphos-Pin-up heranreicht. – »Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.«. Ich arbeite daran.

  2. …immer eine Freude, Ihren Gedanken und Ausführungen zu folgen…

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