Düsseldorfer Ringvorlesung (10): Mit Mario Wintersteiger und Albert Camus in dessen „geistige Urheimat“, ans Mittelmeer

Schon neigt sich die Vorlesungszeit dem Ende entgegen, und so steht bereits am kommenden Montag, 5. Juli 2021, der vorletzte Vortrag in der Camus-Ringvorlesung an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf an. Nachdem Hans Schelkshorn aus Wien in der vergangenen Woche Camus‘ Denken in den Kontext der Lebensphilosophie gerückt hat, geht es diesmal vor allem um Camus‘ politische Philosophie. Dazu hält Mario Wintersteiger einen Vortrag mit dem Titel:

„Natur, Geschichte und die Tradition des Mittelmeeres. Zur politischen Geophilosophie von Albert Camus“

Dazu schreibt er:

„Die geistige Urheimat von Albert Camus, jene Welt, der er sich nach eigenem Bekunden am nächsten fühlte, war die der antiken Mythologie. Im griechischen Denken sah er zudem die Quintessenz einer mediterranen Kultur, zu der er selbst sich leidenschaftlich bekannte. Schon in seiner 1937 gehaltenen Rede zur Eröffnung einer Maison de la culture in Algier reiht er sich ein in eine Tradition des Mittelmeeres, die er sowohl gegen den protestantischen Geist des Nordens als auch gegen die nationalistische Vereinahmung im Süden verteidigen möchte. Das Lob der Landschaften des Südens und der Mentalität der dort lebenden Menschen durchzieht zudem alle Mittelmeer-Essays von Camus. Und auch im
Schlusskapitel seines Buches L’Homme révolté (1951) nimmt der mediterrane „Sonnengedanke“ die Form einer politischen Philosophie an, die sich gegen alle Erscheinungsformen der „deutschen Ideologie“ (vom Marxismus bis zum Nationalsozialismus) stellt. Auch wenn Camus nicht deterministisch denkt und seine philosophische Landkarte daher nicht streng geographisch zu verstehen ist, so ist doch kaum zu übersehen, dass er mit Vorliebe auf Motive zurückgreift, die
man als „geophilosophisch“ bezeichnen kann. Vor diesem Hintergrund bietet es sich an, seine „mythische Geographie“ (Ernst Cassirer) nachzuzeichnen und so auch die Hauptkonfliktlinie seines politischen Denkens (Natur versus Geschichte) zu kartographieren. Wie Camus in L’exil d’Hélène andeutet, liegt das neue Salamis an einem Ort, an dem die Erben der mediterranen Tradition gegen die Barbarei der politischen Geschichtsmetaphysik antreten.“

Zur Person:
Dr. Mario Wintersteiger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Politikwissenschaft und Soziologie der Paris-Lodron-Universität Salzburg, wo er auch seine Studien absolviert hat (Promotion 2011; Schwerpunkt: Politische Theorie und
Ideengeschichte); daneben Lehr- und Vortragstätigkeit in akademischen
Austauschprogrammen und außeruniversitären Bildungseinrichtungen;
2017-2019 Chefredakteur der Österreichischen Zeitschrift für
Politikwissenschaft (ÖZP); 2009-2012 Mitglied der ARGE „Politik – Religion – Gewalt“ der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (ÖFG). Seine Forschungsschwerpunkte sind: Politische Mythologie, Politik und Ästhetik, Politische Anthropologie.

Publikationen (Auswahl):
Das Ästhetische als sozialer Wert. Zur Begründbarkeit der Schönheit
als Wertvorstellung
(Salzburger Beiträge zur Sozialethik 6), Salzburg
2014 [http://www.ifz-salzburg.at/uploads/SBSE.6.Wintersteiger.06.2014.pdf].

The Beneficial Poison of Mythology. Reflections on Georges Bataille’s
Anthropology of Myth and Violence
, in: Religion, Violence, and Ideology.
Reflections on the Challenges of Postmodern World
, hrsg. v. Vojko
Strahovnik/Bojan Zalec, Zürich 2016, S. 65-71.

Der mediterrane Mythos als kritische Theorie der Moderne. Griechisches
Erbe und Ideologiekritik bei Albert Camus
, in: Zeitschrift für
Praktische Philosophie 4 (2017), H. 2, S. 87-106
[https://doi.org/10.22613/zfpp/4.2.4].

Schönheit, Kunst und Macht. Politischer ‚Ästhetizismus‘ aus
‚ästhetisch-politologischer
‚ Sicht, in: Jahrbuch Politisches Denken
2018, Bd. 28, Berlin 2020, S. 81-101.

Enlightenment from the Orient: The ,Philosophical Esotericism‘ of the
Falasifa
, in: Bogoslovni vestnik/Theological Quarterly 80 (2020), H.
3, S. 585-594 [https://doi.org/10.34291/BV2020/03/Wintersteiger].

***

Die Ringvorlesung läuft bis zum 12. Juli 2021 und wird über das Internet gestreamt. Alle Termine im Blog hier

Die Vorträge mit anschließendem Zoom-Gespräch finden  jeweils von 16.30 bis 18 Uhr statt. Alle Interessierten, die sich nicht über das Studierendenportal der Uni Düsseldorf anmelden können, wenden sich bitte per Mail an Oliver.Victor@uni-duesseldorf.de, um die Zugangsdaten zu erhalten. Bitte beachten Sie, das Gasthörer herzlich willkommen sind, bei der Diskussion jedoch die Studierenden Vorrang haben.

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4 Antworten zu Düsseldorfer Ringvorlesung (10): Mit Mario Wintersteiger und Albert Camus in dessen „geistige Urheimat“, ans Mittelmeer

  1. PIERRE SCHOTT sagt:

    Bien chère Anne Kathrin,
    Longtemps, empesé dans mon „protestantisme du Nord“, Camus ne trouvait guère grâce à mes yeux. Il me fallut „goûter au Sud“ (à partir de 1982), pour me rendre compte que „l’esprit de la Nature“ comptait tout autant que celui de l’Homme. Le Sud m’avait „empli“ et mon âme chanta une toute autre ode, et celle de Camus s’immisça en moi…

    PHYSIQUE CANTIQUE (pour saluer Camus) © Pierre A. Schott

    Albert
    sous terre
    père

    J’irai bavarder
    sur ta tombe
    Car sous le mistral
    qui gronde
    Gronde encore
    ta fronde
    Qui jamais
    ne retombe

    Albert
    sous terre
    mère

    J’irai bavarder
    sur ta tombe
    Car ton linceul
    enfoui en grande pompe
    Résonne encore
    d’une vie qui abonde
    Écho dans le silence
    du morne monde

    Albert
    sous terre
    vers

    Mais je n’irai plus bavarder
    sur ta tombe
    Car quelque part tu m’as demandé
    pourquoi là te chercher
    Et il ne reste plus rien
    que cette pierre abandonnée
    fleurie de quelque thym
    fleurie de quelque romarin
    Car quelque part tu m’as dit
    que tu étais – tu es
    dans les livres désormais
    ceux que tu avais écrits
    et où tu t’étais – tu t’es
    si généreusement imprimé

    Albert
    sous terre
    terre

    Albert
    sous terre
    L’ivre
    livre
    ouvert

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Cher Pierre,
      parfois j’envie un peu ta vie méridionale, si proche de Camus! Le poème est magnifique. Merci beaucoup et salutations cordiales du nord! Anne-Kathrin

      • PIERRE SCHOTT sagt:

      • PIERRE SCHOTT sagt:

        40 ans en Alsace – le reste en Provence : un bon compromis entre mon cœur et mon âme ! Ici, on vit de tous ces riens somptueux, dans l’esprit „albertin“ – bien chère Anne-Kathrin…
        Tendresses manosquines,
        Pétrus

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