Die Gerechten – eine ganz besondere Hörbuchperle

Cover_Camus_Gerechten_cmyk„Zum hundertsten Geburtstag des Existenzialisten Camus am 7. November 2013 hat der Christoph Merian Verlag eine ganz besondere Hörbuchperle aus den SRF-Archiven geborgen.“ Als Redakteurin ist man vollmundige Verlags- und sonstige Ankündigungen ja gewohnt. „Na, erst mal schau’n (oder besser: erst mal hören)“, denke ich  – zwar neugierig auf das Präsent, das kürzlich unverhofft in meinem Briefkasten lag, aber dennoch mit berufsbedingter Skepsis, die noch durch das plakative Etikett des „Existenzialisten Camus“ geschürt wird. Und was soll ich sagen: Die Ankündigung war ganz und gar nicht übertrieben. Was der Christoph Merian Verlag da geborgen hat, ist in der Tat eine Perle: Eine Hörspiel-Inszenierung des Schweizer Rundfunks von Camus’ Drama Die Gerechten aus dem Jahr 1950, gesendet zwei Wochen nach der deutschen Erstaufführung des Stücks am Zürcher Schauspielhaus.

Ein absolut fesselndes, hochdramatisches Stück Theater

Das Erstaunliche ist: Die Aufnahme ist gänzlich frei von allem leicht Vermufft-Spießigen oder auch zum Schmunzeln Reizenden, was man gemeinhin gerne mit Kulturereignissen aus den 50er Jahren in Verbindung bringen mag. Zu hören ist ein absolut fesselndes, hochdramatisches Stück Theater, dem man in jedem Augenblick gebannt folgt. Und das, obwohl es naturgemäß deutlich weniger aufwändig daherkommt, als man es von heutigen Produktionen gewohnt ist. Die Geräuschkulisse bringt nicht viel mehr mit als Türklingeln, Türenschlagen, Schritte im Raum und das Klappern der Hufe, als die Kutsche des Großfürsten am Fenster der Revolutionäre vorbeifährt. Teile aus Strawinskys Sacre du Printemps sind als Zwischenmusik zwischen den Akten eingesetzt; sie spiegeln die dramatische Spannung der Handlung oder steigern sie noch – und die Qualität dieser Tonaufnahmen ist so ziemlich der einzige Hinweis darauf, dass es sich bei der ganzen Produktion um eine schon historische Aufnahme handelt.

Die Konzentration auf die Sprache intensiviert die Eindrücke

Allenfalls das Genre Hörspiel an sich mutet uns vielleicht heute angesichts der Überflutung mit visuellen Medien ein wenig antiquiert an. Mir ging es jedenfalls so: Doch, ich mag Hörspiele, aber als Medium sind sie mir nicht sonderlich präsent. Hörbuch  ja, da lässt man sich halt schön vorlesen. Oder man geht eben gleich ins Theater oder ins Kino. Ein Denkfehler, wie ich jetzt weiß. Mit dieser Produktion der Gerechten bin ich endgültig zum Hörspiel-Fan geworden. Denn es bringt eine unschätzbare Eigenschaft mit: Es lässt die Figuren des Theaterstücks lebendig werden und macht sie mit all ihren verschiedenen, gegensätzlichen Charakterzügen greifbar – aber es liefert uns keine interpretierenden Bilder dazu. Die Bilder entstehen im Kopf, und zwar indem wir ganz und gar auf die Sprache konzentriert sind.

Großartige Schauspieler lassen die Charaktere plastisch hervortreten

Die Gerechten habe ich im Abstand von vielen Jahren zwei Mal auf der Bühne gesehen und diverse Male gelesen – erst kürzlich wieder bei der Arbeit an meinem Buch. Und trotzdem habe ich das Stück neu wahrgenommen, als ich jetzt dem Hörspiel lauschte. Wie viel da tatsächlich von der Liebe die Rede ist! Und zwar keineswegs nur zwischen Dora und Janek, die ihre Liebe der Revolution opfern. Und wie wichtig die Figur des Foka ist,  Janeks Zellengenosse nach dessen Verurteilung und just einer von denen, in dessen Namen die Revolutionäre kämpfen und töten, im Namen des unterdrückten Volkes nämlich, was dieser Foka aber so ganz und gar nicht versteht, geschweige denn, warum Janek auch noch die Begnadigung ablehnt … – das gäbe flugs einen ganzen Aufsatz her. Und immer wieder das, was Camus so sehr ausmacht: Dass er niemals schnell bei der Hand ist mit Zuschreibungen von richtig und falsch, gut und böse, schwarz und weiß. „Kinder töten ist wider die Ehre, und wenn sich jemals die Revolution von der Ehre abkehren sollte und ich noch lebe, dann werde ich mich von der Revolution abkehren“  – ja, gewiss spricht durch Janek da auch Camus selbst, und wer so spricht spricht rechtschaffen und edelmütig. Aber so leicht macht Camus es uns nicht. Der leidenschaftliche Monolog der Großfürstin lässt unsere moralische Selbstgewissheit ins Trudeln kommen, wenn wir erfahren: Eines der Kinder wegen denen Janek die Bombe zunächst nicht geworfen hatte, die Großnichte des Zaren, ist ein dummes und eingebildetes Gör, das sich weigert, den Armen Almosen zu geben. Der Großfürst aber, dessen blutige Einzelteile seine Frau nach dem Attentat von der Straße sammelte, liebte die Bauern und trank mit ihnen. Und dann die so verschiedenen Charaktere der Revolutionäre: – Halt, Stopp. – Ich muss mich abbremsen, denn dieses Stück hält noch so viele Facetten bereit, dass dieser Text hier ansonsten in nullkommanix noch gänzlich ausufern würde. Dass ich mich davon gerade so mitreißen lasse, das liegt ganz ohne Zweifel aber eben nicht nur am Stück selbst, sondern an dieser Hörspielfassung, in der großartige Schauspieler wie Brigitte Horney (Dora), Adolph Spalinger (Janek) oder Oskar Dimroth (Sephan) diese Facetten zum leuchten bringen.  Wahrlich eine Perle.

Info:
Albert Camus, Die Gerechten. Hörspiel, 2 CD,  91 Minuten,  Christoph Merian Verlag, Basel (ISBN 978-3-85616-599-4). CHF 26.− / € 18,90. Hörproben und Downloadmöglichkeit auf der Web-Seite des Verlags.

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Lesen und Hören abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Die Gerechten – eine ganz besondere Hörbuchperle

  1. Dieter Buttgereit sagt:

    Zum Thema Gewaltanwendung – Camus: „Der Zweck heiligt die Mittel nicht.“ –
    ein Buchtipp. Eine vor kurzem erschienene Textsammlung, die bisher
    ‚verstreute‘ Texte thematisch und chronologisch darstellt, erlaubt einen neuen
    Blick auf das politische Denken von Albert Camus.
    Écrits libertaires, 1948-1960, d’Albert Camus,Les éditions Indigène, 342p. 18 Euro

    Danke, liebe Frau Reif, für die einfühlsame Besprechung der „Gerechten“; sie
    wird nicht nur der Hörbuchperle sondern auch wesentlichen Eigenschaften der so jungen Revolutionäre gerecht.
    Sie haben Recht mit ihrem Vorbehalt: Albert Camus ist absolut kein Vertreter des Existentialismus. Wieso geistert diese Einordnung seit vielen Jahrzehnten fälschlicherweise in der Weltgeschichte umher ???

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.