Der Camus-Adventskalender: Die zwölfte Tür geht auf

Tür im Kulturzentrum Sidi Bou Said, Tunesien. Herzlichen Dank für die Fotos an ©Erika Spindeck!

„Beinahe vollständige Genesung, ich erhoffe sogar eine vermehrte Kraft. Verstehe jetzt besser, was ich immer gewusst habe: Wer sein Leben hinschleppt und unter seiner Last zusammenbricht, kann niemandem helfen, gleichgültig, welche Pflichten er übernimmt. Wer sich beherrscht und das Leben beherrscht, kann der wahrhaft Großzügige sein und mühelos geben. Nichts erwarten und nichts fordern außer dieser Kraft zum Geben und zum Arbeiten.“ *

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Der Camus-Adventskalender. Jeden Tag eine Tür und ein mehr oder weniger zufällig ausgewähltes Zitat als kleiner Gedankenanstoß für den Tag. Ich wünsche allen eine schöne Adventszeit, auch wenn sie in diesem Jahr anders ist als sonst!

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Albert Camus, Tagebücher 1951-1959. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 281.

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6 Antworten zu Der Camus-Adventskalender: Die zwölfte Tür geht auf

  1. Gabbe, Cay sagt:

    Ich habe mich noch einmal mit dieser Aussage von Camus befassst und finde, dass dieser richtige Gedanke ergänzungsbedürftig ist. Es gibt auch Menschen, deren Last sie sich nicht selbst zurechnen können, sondern die ihnen auferlegt wurde, z.B. Flüchtlinge, Kriegsopfer, mancher Obdachlose bei uns…Diese Last tragen sie möglicherweise auch ein Leben lang. Um die sollen sich dann seiner Meinung nach wohl die Gebenden kümmern. Eine richtige Annahme? Hat er sich vielleicht zu dieser Problematik an anderen Stellen seines vielschichtigen Werks geäußert?

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Gabbe, ich finde Ihre Überlegungen nachvollziehbar. Eine genauere Einlassung von Camus zu der Problematik kenne ich nicht; das Zitat passt aber zu einer anderen Äußerung von ihm: „Man muss stark und glücklich sein, um anderen Menschen helfen zu können“ (leider habe ich die genaue Quelle gerade nicht parat). Auch dieser Satz ist aber sicherlich nicht im absoluten Sinne zu lesen, sodass ein unglücklicher Mensch grundsätzlich niemals in der Lage wäre, einem anderen zu helfen. Ich denke, es ist eher im Bereich der Überlegungen zum Thema Glück anzusiedeln, etwa im Sinne, dass es nicht verwerflich ist, das persönliche Glück zu suchen, dass man sich nicht schämen muss, glücklich zu sein (etwa im Sinne des Dialogs Rieux-Rambert in „Die Pest“); aber auch, dass es deshalb geradezu einer Pflicht gleichkommt, „stark und glücklich zu sein“, nämlich UM überhaupt anderen Menschen helfen zu können (auch ein Gedanke, über den man noch länger nachdenken kann…). Das Zitat der „zwöflten Tür“ hat allerdings unverkennbar einen ganz persönlichen Charakter, bezogen auf Camus‘ eigene Erfahrung vom Leben mit einer Krankheit und immer wiederkehrender, damit verbundener körperlicher Schwäche. – Schön, dass der Adventskalender Sie zum weiterdenken anregt! Mit herzlichem Gruß, Anne-Kathrin Reif

  2. PIERRE SCHOTT sagt:

  3. Gabbe, Cay sagt:

    Was für ein schönes Bild! Und ein sehr anregender Gedanke, auch wenn die genannte Voraussetzung sicher nicht die einzige Bedingung ist, die man für eine mühelose Großzügigkeit erfüllen muss.

  4. Peter Silberbach sagt:

    Schön, dass die Türchen wieder da sind! Danke!
    Auch für den Appell von Camus, sich zusammenzureissen. – Brauchen wir, wenn der Lockdown heute wieder härter wird. Da kann man nur empfehlen, nochmals „Die Pest“ zu lesen, um sich gegen Corona und gegen Rechts zu wappnen!

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