„Das große Sisyphos-Theater“ und Viscontis „Der Fremde“ in Leipzig – Die Schaubühne feiert zwanzigjähriges Bestehen

schaubuehne-sisyphos-postk-vorn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist mal wieder einer dieser Zufälle: „Seit Jahren bin ich auf der Suche nach dem Film Der Fremde mit Mastroianni“, schreibt Blog-Leserin Elisabeth Köster und möchte wissen, ob die Chance besteht, dass der Film nochmals irgendwo aufgeführt wird. Und zeitgleich schreibt mir Mark Tykwer, dass die (vielleicht letzte) Kopie der deutsch-synchronisierten Fassung des Visconti-Klassikers, die sich in seinem Besitz befindet, gerade auf dem Weg nach Leipzig ist. Dort wird der Film in Kürze gleich an fünf Terminen zu sehen sein. 

Aber es gibt in diesem Zusammenhang noch mehr Camus in Leipzig: Das dortige Theater Schaubühne Lindenfels feiert sein 20jähriges Bestehen und lässt aus diesem Anlass an zwei Abenden am 12. und 13. September „Das große Sisyphos Theater“ entstehen.

„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Den berühmten letzten Satz von Camus‘ Mythos des Sisyphos haben die Theatermacher ihrem Programm vorangestellt – vielleicht als Motto für ihr eigenes Unternehmen, im alten Ballhaus Lindenfels in Leipzig ein Theater entstehen zu lassen. „An dem Ort hier ein Theater eröffnen – Irrsinn!“ – das sei bis vor gar nicht langer Zeit die übliche Reaktion gewesen, wenn sie in Leipzig um Interesse und Unterstützung warben, berichten die Theaterleute. Anfangs und viele Jahre des zähen Ringens sei die Schaubühne der einzige kulturelle und lebendige Ort entlang des heruntergekommenen Heine-Boulevards geblieben. Da ist ein 20jähriges „Jubiläum“ schon ein kleiner Triumph.

Das große Sisyphos Theater

„Akkumulatornächte” nennt das Theater die Programmform, die verschiedene Darbietungen zusammenbringt. Der Mythos von Sisyphos in der Lesart von Albert Camus soll mit Kafkas Der Bau und dessen Metapher des Großen Theaters von Oklahoma verknüpft werden. Diese Referenzen an das Unmögliche, Utopische und Absurde verbinden sich mit der Geschichte des unvollendeten „Projektes“ Schaubühne.

«DAS GROSSE SISYPHOS THEATER ruft und wartet darauf, betreten zu werden. Wagen Sie es und erleben Sie eine Zeitreise, auf der Sie sich zwischen Vergangenheit, Gegenwart und einer möglichen Zukunft hin- und herbewegen können! Dafür wird die Schaubühne teilweise in den räumlichen Zustand von 1993/1994 zurückgebaut. Kommen Sie zur „Erstbegehung“ ins Lindenfels!», werben die Programmmacher. Man darf gespannt sein, ob der Abend so überraschend und unterhaltsam wird, wie es der Jahrmarktstil der Ankündigung hoffen lässt.

Präsentiert wird jedenfalls ein Mix aus Theater, Tanz, Performance und Film von lokalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Den „Camus-Teil“ bestreitet das Theater Schau-Ensemble. Dazu heißt es in der Pressemitteilung:

«Der Berg. Der Stein. Die Lücke, die das Scheitern lässt. Dazwischen das Leben.

Sisyphos, Caligula, der Fremde, durch den Zufall der Existenz in Bewegung gebracht, unternehmen den Versuch zu leben, konsequent radikal simpel. Das ist alles.

Das Licht.
Die Orte unserer Kindheit. Die Mutter und der große Abschied.

„Der erste Mensch” namens Jacques Cormery – niemand anderes als der Autor Camus – geht zurück, um endlich seine eigene Konsequenz ziehen zu können. Wenn wir ihn begleiten, finden wir uns mit ihm zwischen zwei Versuchen eines glücklichen Sisyphos.»

Zum Schau-Ensemble: «Das Schau-Ensemble ist ein loser, in der Schaubühne verankerter Zusammenschluss von Theaterschaffenden. Es ist unser Versuch, die künstlerische Wiedererkennbarkeit eines kontinuierlich am Haus arbeitenden Ensembles mit der Flexibilität und Offenheit freier Projektarbeit, aus der sich neue künstlerische Formate und Methoden entwickeln können, zu verbinden. Inszenierungen des Schau-Ensembles waren Ein neunundzwanzigster Februar und Die Spieler. An Camus beteiligte Künstler sind Johannes Gabriel, Gábor Hollós, David Jeker, Laila Nielsen, René Reinhardt, Mario Rothe-Frese, Ilona Schaal und Elisabeth Schiller-Witzmann.»

Zur Tanzperformance Der Bau nach Franz Kafka mehr auf der Theater-Webseite.

Meursault (Marcello Mastroianni) im Gefängnis. Szene aus dem Visconiti-Film "Der Fremde".

Meursault (Marcello Mastroianni) im Gefängnis. Szene aus dem Visconti-Film „Der Fremde“.

Termin Das große Sisyphos-Theater: 12. und 13. September, Camus (20 Uhr), Der Bau (21.30 Uhr), Mitternachtskino mit Überraschungsfilm (23 Uhr), Installation (durchgängig). Ort: Schaubühne Lindenfels, Karl-Heine-Str. 50, Leipzig. Telefon: 0341/ 4846210. Vorverkauf: www.schaubuehne.com

Filmvorführung Der Fremde von Lucchino Visconti in der Schaubühne Lindenfels: 5. und 1o. September, 20 Uhr; 6., 9. und 11. September, 22 Uhr.

Verwandte Beiträge:
Eine Rarität: Visconti-Verfilmung von „Der Fremde“ in Wuppertal

page3image4064

Dieser Beitrag wurde unter Bühne/ Film/ Fernsehen abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.