Camus im Februar: Missverständnisse, Revolutionäre und ein Caligula von monströser musikalischer Wucht

Am Staatstheater Hannover begeistert Detlef Glanerts Oper "Caligula" in der Inszenierung von Frank Hilbrich Publikum und Kritiker. Im Bild Ralf Lukas in der Titelpartie, im Hintergrund der Chor. ©Foto: Thomas M. Jauk/ Stage Picture

Am Staatstheater Hannover begeistert Detlev Glanerts Oper „Caligula“ Publikum und Kritiker. Im Bild Ralf Lukas in der Titelpartie, im Hintergrund der Chor. ©Foto: Thomas M. Jauk/ Stage Picture

Dass der Februar bereits begonnen hat, die Monatsvorschau im Blog aber noch fehlt, bedeutet einzig und allein, dass ich noch nicht dazu gekommen bin. Und nicht etwa, dass es nichts zu berichten gäbe von Camus auf den Bühnen (und anderswo). Auch wenn die ehrenwerte taz in der Besprechung der im Laika-Verlag jetzt herausgekommenen zweibändigen Ausgabe von Camus‘ Combat-Texten gleich mit der Behauptung einsteigt: «Um den Literaturnobelpreisträger Albert Camus (1913–1960) ist es ruhig geworden. Seine beiden Erfolgsromane, „Der Fremde“ (1942, dt. 1948) und „Die Pest“ (1947, dt. 1948), werden zwar noch gelesen, aber seine Stücke sind von deutschen Bühnen seit Jahren so gut wie verschwunden.» Was mich dann doch etwas gewundert hat. Vielleicht hätte der Kollege einfach mal hier im Blog unter Camus 2013, 2014 und 2015 nachschauen sollen? Aber geschenkt. Dass diese Texte in der Übersetzung von Lou Marin nun endlich auf deutsch vorliegen, kann man jedenfalls gar nicht genug würdigen – und auch ich will das natürlich noch tun, sobald ich mich ein wenig hineinvertieft habe.

Nun aber zu „Camus im Februar“. Der begann, wie schon angekündigt, mit dem Auftritt von Rupert Neudeck bei der Deutschen Camus-Gesellschaft in Aachen. Noch in den Januar hätte streng genommen eine (weitere) Premiere von Das Missverständnis gehört, an das sich das Amateurtheater S’Bühneli in Lörrach herangetraut hat (Regie: Kerstin Kapfer). Nach der Premiere am 31. Januar gibt es weitere Vorstellungen am 6., 7., 27. und 28. Februar. Die unkonventionellere Fassung des Stücks, nämlich als Menschen-und-Figuren-Theater von Nicolaus Habjan am Schauspielhaus Graz, steht erst wieder Ende des Monats, am 28. Februar auf dem Programm. Am 6. Februar kann man sich zwischen der Inszenierung von Die Gerechten am kleinen Euro-Theater in Bonn und jener am großen Düsseldorfer Schauspielhaus entscheiden. Ersteres spielt tags darauf, 7. Februar, auch wieder seine Bühnenfassung von Der Fremde.

Da ist jetzt, zugegeben, nichts Neues dabei, das wirklich aufhorchen ließe. Aber halt: Das vielleicht Aufregendste in Sachen Camus auf der Bühne hatte ich im Januar übersehen, nämlich die Premiere der Caligula-Oper von Detlev Glanert in der Inszenierung von Frank Hilbrich am Niedersächsisches Staatstheater Hannover. Premiere war bereits am 17. Januar, und die Kritiken sind überschwänglich. Einen „starken Musiktheaterabend“ bescheinigt etwa die Hannoversche Allgemeine und schreibt: „Dieser Caligula vibriert in seiner Monströsität, er ist zynisch, aber auch alptraumverloren.“ Zwar habe die Vertonung des Caligula-Stoffes auch zwiespältige Eindrücke hinterlassen, meint der Rezensent der Celleschen Zeitung, doch sei der Abend in der Staatsoper „der Durchbruch für das Stück“ gewesen. Gerhard Eckes (Der Opernfreund) findet: „In der Neuinszenierung von Frank Hilbrich ist in jeder Minute packendes Musiktheater gelungen, was für eine zeitgenössische Oper nun wahrlich nicht selbstverständlich ist“. „Eine bemerkenswert gelungene Produktion“, befand die Süddeutsche Zeitung. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb anerkennend: „Eine schöne, einleuchtende Arbeit.“ Und Uwe Friedrich berichtet in seiner Premierenkritik in Deutschlandradio Kultur von Begeisterungsstürmen des Publikums und beschreibt die musikalische Wucht dieser 2006 in Frankfurt/Main uraufgeführten Oper hübsch anschaulich: Gegen Glanerts Caligula sei Strauss‘ Elektra ein lindes Lüftchen. Auch in der Neuinszenierung von Frank Hilbrich sei die Musik „überwältigend und bläst einen so richtig weg“. Da weiß man doch, worauf man sich einlässt. Weitere Vorstellungen: 11. und 21. Februar. Im Anschluss an die letzte Vorstellung am 21. Februar gibt es ein Publikumsgespräch mit Regisseur Frank Hilbrich. Info

Ein erhellendes Interview mit dem Komponisten Detlev Glanert findet sich in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hier.

Zu guter letzt gibt es mit dem Stück Das bittere Haus noch eine interessante Verschmelzung von Camus und Nietzsche. „Basierend auf dem Drama Das Missverständnis von Albert Camus und dem Gedicht Klage der Ariadne von Friedrich Nietzsche reflektiert der Abend die Frage, wie aus einem Menschen ein Täter wird“, heißt es in der Ankündigung, und weiter: „Der iranische Regisseur Mahmoud Sabahy und die Schauspielerin Ulrike Zeitz arbeiten im Widerhall ihrer Herkunft und Geschichte in aphoristischer Verdichtung und beleuchten, welche Missverständnisse zwischen westlicher und orientalischer Kultur bestehen.“ Gespielt wird in der Leipziger Moritzbastei am 5. Februar, 20.30 Uhr. Mehr Infos hier.

 

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2 Kommentare zu Camus im Februar: Missverständnisse, Revolutionäre und ein Caligula von monströser musikalischer Wucht

  1. E.Dieter Fränzel sagt:

    Zu der bemerkenswerten Caligula-Oper von Detlev Glanert:
    Der Komponist ist in Wuppertal kein Unbekannter. Der Klarinettist Gerald Hacke, Kurator der Konzertreihe „Tonleiter“ in Tony Craggs Skulpturenpark Waldfrieden, hat Detlev Glanert mehrmals zu Aufführungen eingeladen. Dabei wurden verschiedene Kammermusikalische Kompostionen von Detlev Glanert im Ausstellungspavillon des Skulpturenparks aufgeführt. Aus dieser Zusammenarbeit entstand 2014 eine CD-Produktion mit dem Titel „ELYSION“, die u.a. eine Auftragskompostion der Cragg Foundation enthält. > http://www.skulpturenpark-waldfrieden.de <
    Ein weiterer Hinweis für die Leser:
    Das Programm der RUHRFESTSPIELE Recklinghausen kündigt an
    ULRICH MATTHES liest Der Fremde von Albert Camus; 7. Juni 2015

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