„Aujourd’hui Meursault est mort…“

Aujourd’hui Maman est mort… Heute ist Mama gestorben… Der Beginn von Camus‘ Roman Der Fremde gehört wohl zu den berühmtesten ersten Sätzen der Literaturgeschichte. Der algerische Autor und Journalist Salah Guemriche hat den Satz jetzt umgeschrieben: Aujourd’hui Meursault est mort heißt sein Roman, der die Geschichte dort fortsetzt, wo die von Camus endet: Mit der Hinrichtung von Meursault. Guemriche gibt dem namenlosen Araber, den Meursault ohne ersichtlichen Grund quasi aus Versehen an einem glühend heißen Tag am Strand getötet hat, eine Identität, eine Geschichte, eine Familie: Er lässt den Sohn jenes Arabers am Tag der öffentlichen Hinrichtung Meursaults auf den Schöpfer des Mörders treffen – ein Mann im Trenchcoat, Albert Camus, der sich unter die Zuschauer gemischt hat – und von ihm Rechenschaft verlangen.

Wie wird Camus heute in Algerien gesehen? Das ist ein spannendes Terrain, das von hier aus natürlich schwer zu erkunden ist. Auf den französischsprachigen Facebook-Camus-Seiten finden sich immer wieder zahllose Einträge glühender Anhänger aus Algerien und dem ganzen nordafrikanischen, arabischen Raum. Und dennoch scheint es so, dass Camus für viele schlicht immer ein Neo-Kolonialist geblieben ist, der den Mörder eines Arabers zum Protagonisten seines bis heute populärsten Romans gemacht hat.

Mit Kamel Daoud hat sich ein zweiter, sehr renommierter algerischer Journalist, gewissermaßen einer Wiedergutmachung an Meursaults namenlosen Opfer angenommen. Sein Roman Meursault, contre-enquête ist jetzt ein Jahr nach dem algerischen Original beim Verlag Actes Sud in Frankreich erschienen. „Meursault, contre-enquête ist eine Parallelerzählung, die bis in die Details dem Aufbau des Romans von Camus folgt: Haroun, der Bruder des ermordeten Arabers, der jetzt Moussa heißt, erzählt seine eigene Geschichte, die unter ähnlichen Umständen wie bei Camus ihren Höhepunkt in der Ermordung eines Franzosen findet. Anders als im Fremden aber bleibt das Opfer nicht anonym, der ermordete Franzose hat einen Namen: Joseph“, fasst Wolf Lepenies heute in der WELT den Inhalt zusammen. Unter dem Titel Ein Nobelpreisträger wird korrigiert stellt er die beiden Bücher vor. Der ganze Artikel, dem ich die Entdeckung dieser beiden interessanten Buchbeiträge zum Camus-Universum verdanke, findet sich in der Online-Ausgabe der WELT hier.

Info:
Salah Guemriche, Aujourd’hui Meursault est mort. Rencontre avec Albert Camus. Nur als Kindle-Edition (180 Seiten, 4,52 Euro).
Kamel Daoud: Meursault, contre-enquête. Actes Sud, Arles. 155 Seiten, 19 Euro.

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