Alles auf Anfang: Vom Glück der späten Liebe

„Du glaubst es nicht!!“ Wenn ich diese Einleitungsformel am Telefon höre, weiß ich sofort, dass meine Freundin I. wieder einmal brennende Neuigkeiten aus dem Familien- oder Freundeskreis mitzuteilen hat. Diesmal muss es besonders brennen, denn noch bevor ich die übliche Erwiderungsformel „wieso, was’n los?“ zu Ende sprechen kann, folgt schon die Auflösung: „Mama hat einen Freund!“

Mama ist kürzlich achtundachtzig geworden und erst seit knappen vier Monaten verwitwet, nach sechzigjähriger gut katholischer Ehe, aus der drei lange schon erwachsene Kinder hervorgegangen sind. Die freuen sich, doch, sicher, für die Mama, sind aber auch, nun ja, irritiert. Mama spaziert mit ihrer neuen Liebe Händchen haltend durchs Altersheim, strahlt aus allen Knopflöchern, und die Anzeichen mittelschwerer Demenz, die bis vor kurzem ihre Tage prägten, sind so gut wie weggefegt. Stattdessen lackiert sie sich die Fingernägel rosa.

Warum ich diese Geschichte in einem Camus-Blog erzähle und nicht in einer Frauenzeitschrift? Weil mir dazu sofort eine kleine Passage aus Der Fremde einfiel. Ich finde, dieser literarische Kommentar ist ein wunderbares Heilmittel gegen jedwede Irritationen, die der Anblick eines so unerwarteten späten Glücks nicht nur bei nahen Angehörigen gelegentlich hervorrufen mag, und ich widme ihn allen, die davon betroffen sind, betroffen sein könnten, und besonders natürlich meiner Freundin I. Die Szene stammt aus Der Fremde. Meursault sitzt in seiner Gefängniszelle und blickt der Hinrichtung entgegen, zu der er letztlich nicht nur wegen des Mordes an einem Araber verurteilt wurde sondern auch, weil er auf der Beerdigung seiner Mutter nicht geweint hatte.

„Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit dachte ich an Mama. Mir schien, dass ich verstand, warum sie sich am Ende eines Lebens einen ,Bräutigam’ zugelegt hatte, warum sie gespielt hatte, dass sie neu anfinge. Dort, auch dort, rings um dieses Altersheim, in dem Leben erloschen, war der Abend wie eine melancholische Atempause. Dem Tod so nahe, hatte Mama sich dort befreit gefühlt und bereit, alles noch einmal zu erleben. Niemand, niemand hatte das Recht, sie zu beweinen“ (1).

(1) Albert Camus, Der Fremde.  Deutsche Übersetzung von Uli Aumüller. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1961/1994, S. 143.

 

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Ein Kommentar zu Alles auf Anfang: Vom Glück der späten Liebe

  1. Nicole Nau sagt:

    Besser kann ein Mensch nicht beschreiben, dass das Leben, und auch die Verantwortung der Taten in einem selber liegen. Jedes Alter ist passend alles neu zu beginnen, jeder Tag im Leben! Nie ist es zu spät.
    Die Sterne des Glücks liegen in uns selbst!

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