Zum Cappuccino gibt’s eine schöne Geschichte: Zu Besuch beim „Café Camus“ am Rhein

Basim Ghomorlou und seine Frau Katharina Müller in ihrem Kaffeewagen „Café Camus“. ©Foto: A.-K. Reif

Seit Wochen denke ich: Es sollte mal irgendwer den Blog aufwecken. Im Zweifelsfalle ich selbst. Da trifft es sich doch ganz wunderbar, dass ich beim Fischen in den Tiefen des Worldwideweb plötzlich einen richtig schönen Camus-Fisch im Netz hatte: Die Lokalzeitung von Bad Honnef berichtet darüber, dass jemand im benachbarten Königswinter seit kurzem einen Kaffeewagen betreibt und eben diesen „Café Camus“ benannt hat. Wenn das mal nicht ein prima Anlass für einen Ausflug von der Wupper an den Rhein ist! Versteht sich quasi von selbst, dass ich gern chez Camus einen Cappuccino trinken und vor allem die Geschichte dazu erfahren möchte.

Basim Ghomorlou hat alle Hände voll zu tun. Die Schlange vor seinem „Café Camus“ ist lang an diesem sonnigen Sonntagnachmittag am Rhein, während die Cafés im Ort und an der Rheinpromenade noch im Lockdown sind. Ehefrau Katharina Müller, studierte Ethnologin, packt an den Wochenenden mit an und reicht hausgebackenen Kuchen durchs Wagenfenster, dieweil ihr Mann perfekten Milchschaum auf den Cappuccino zaubert. Becher und Teller sind aus schöner Pappe, die Kuchengabel aus Holz – Plastik ist tabu und würde auch gar nicht zu dem ästhetischen Gesamteindruck des „Café Camus“ passen. Bis die Schlange kürzer geworden ist, lasse ich mir erst einmal den Kaffee und den köstlichen Schokoladenkuchen schmecken.

Eine kleine Bibliothek und liebevolle Details gehören zur Ausstattung des „Café Camus“. ©Fotos: Anne-Kathrin Reif

Nach dem Ende der sonntäglichen Kaffeezeit am späten Nachmittag atmet Basim Ghomorlou auf: Es ist seine erste Pause seit Stunden, und endlich hat er Zeit, sich mit mir auf die Bank hinter seinem Wagen zu setzen und mir seine Geschichte zu erzählen. Vorab entschuldigt er sich aber erstmal für sein Deutsch (das in Wirklichkeit nahezu perfekt ist). Geboren wurde er 1984 in Maschhad, der zweitgrößten Stadt des Iran, studierte in Teheran Fotografie. Seit 20 Jahren arbeitet er als Fotograf, künstlerische Natur- und Menschenfotografien in Schwarz-Weiß sind sein Schwerpunkt, meistens aufgenommen mit einer analogen Mittelformatkamera. Auf über 20 Einzelausstellungen in Teheran, Maschhad, Venedig, Frankreich, Belgien und Deutschland hat er seine Arbeiten bislang gezeigt, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet – darunter beim PX 3 (Prix de la Photographie Paris) und dem renommierten International Photo Award IPA. Gerade bringt ein Kunstverlag in Teheran ein Buch mit Fotografien über die Wüste von ihm heraus. Einige seiner Fotoarbeiten schmücken das Innere des Wagens, von dem ich Corona bedingt leider nur von Außen einen Blick erhaschen kann.

2016 kam Basim Ghomorlou nach Deutschland – zunächst nach Tübingen, wo seine Frau studierte. Nach anderthalb Jahren und der Geburt ihrer Tochter zogen sie nach Bad Godesberg in die Nähe von Katharinas Familie. Arbeiten wollte Basim, natürlich, aber auch Zeit haben für seine Fotokunst und zum Lesen. Irgendwann war die Idee mit dem Kaffeewagen da. „Wenn gerade nicht so viel los ist, kann ich in meinem Wagen sitzen und lesen“, sagt er. Nicht nur, aber auch Camus, versteht sich. Vor 15 Jahren habe er angefangen, sich mit der Geschichte der Philosophie und vor allem mit den französischen Existenzialisten zu beschäftigen, und es habe ihn gepackt, erzählt er. Die Werke von Albert Camus und Sartre las er in der Übersetzung auf Persisch. „Schon früher wollte ich gern ein Café im französischen Stil aufmachen und es Café Camus nennen“, erzählt er – „aber ich hab’s dann doch nicht gemacht“. Jetzt war der Name einfach perfekt für seine kleine Oase, mit der er seine Leidenschaft für Literatur und für guten Kaffee verbinden kann.

Vor einem knappen Jahr, Mitte Mai 2020, hat Ghomorlou damit begonnen, den alten türkisgrünen Caravan komplett zu renovieren und neu einzurichten. Den alten Boden ersetzte er durch einen schönen Holzboden, brachte neue Regale für die Bücher an, strich Wände und Schranktüren leuchtend blau. Auch die Außenhaut bekam einen neuen Anstrich in edlem Graublau. Kücheneinrichtung und Kaffeemaschine folgten, und zum Schluss all die liebevollen Details, die das Café Camus so charmant aussehen lassen und es für ihn zu einem behaglichen Rückzugsort machen. Mitten im Winter, am 1. Januar 2021, feierte er Eröffnung – und dann kam auch schon bald das Hochwasser, das bis auf die Promenade schwappte. Ein Start mit Hindernissen also – auch was die Ursprungsidee des Ganzen angeht: Ursprünglich war der Plan nämlich, mit dem Wagen mobil zu sein, zu reisen – „nach Norwegen oder in die Schweiz“ –, fotografieren und gleichzeitig mit dem Café Geld verdienen zu können. Inzwischen hat er die hiesige Bürokratie kennengelernt und weiß, dass man für jeden Platz eine Konzession braucht, deren Beantragung mit spontanen Standortentscheidungen leider nicht kompatibel ist… Auch die Genehmigung für den Platz an der Rheinpromenade gilt nur noch bis Mitte März. „Aber es gibt schon zwei andere Angebote in der Nähe“, zeigt er sich zuversichtlich.

Kaffeeliebhaber werden ihm gewiss an jeden anderen Standort in erreichbarer Nähe folgen, denn die Qualität von Kuchen, Cappuccino & Co spricht für sich. Auch um Spontankunden braucht er sich bei einigermaßen schönem Wetter sicherlich keine Sorgen machen. Und wenn es draußen mal wieder ungemütlich ist und die Kundschaft ausbleibt, dann kann er es sich in seinem „Café Camus“ gemütlich machen und hat endlich wieder Zeit zum Lesen. Zurzeit liest er das, was er von Camus bereits kennt, nochmal neu auf Deutsch – allen voran Der Fremde. „Mein Lieblingsbuch“, erklärt er auf Nachfrage – „schon der erste Satz ist der Hammer!“

Zum Abschied noch einen Espresso beim „Café Camus“. ©Foto: Klaus Dreisbusch

Einen Eindruck von Basim Ghomorlous Fotoarbeiten bekommt man z.B. hier:
Instagram-Account: basim_ghomorlou
https://px3.fr/winners/curator/2020/1-91017-20/ https://www.photoawards.com/winner/zoom.php?eid=8-160223-18
https://www.lensculture.com/basim-ghomorlou-2

Noch bis zum 15. März steht das „Café Camus“ in Königswinter, Rheinallee Höhe Hausnummer 13. Geöffnet ist dienstags bis sonntags 12 bis 18 Uhr.

Update: Basim Ghomorlou kann mit seinem „Café Camus“ vorerst doch noch in der Königswinterer Rheinallee, Höhe “Alte Liebe”, bleiben. Aktuelle Standorte immer auf Facebook und Instagram cafecamus.

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7 Antworten zu Zum Cappuccino gibt’s eine schöne Geschichte: Zu Besuch beim „Café Camus“ am Rhein

  1. jean-louis marie sagt:

    Dass ein „Café Camus“ mit dem Absurden der Verwaltung konfrontiert wird, ist nur konsequent. Danke für die spannende Geschichte von Basim, liebe A-K. Ein Beweis mehr, dass viele Wege früh oder spät zur Gastronomie führen können.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Jean-Louis, vielen Dank für den netten Kommentar. Dein Weg zur Gastronomie war ja mindestens ebenso spannend und dein Beitrag dazu ist ein Stück Stadtgeschichte! Liebe Grüße, A.-K.

  2. Cay Gabbe sagt:

    Eine wunderbare Idee von Basim, schön realisiert und eine schöne Idee – diese Reportage – von Ihnen als Frühlingsnachricht. Danke.
    Schade, dass ich es nicht vorher gewußt habe. Dann wäre ich mich mein Fahrrad genommen und wäre von Godesberg nach Königswinter übergesetzt und hötte vielleicht die Chance gehabt, Sie kennenzulernen.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Gabbe, das wäre natürlich schön gewesen! Sollte ich nochmal hinkommen, sage ich vorher Bescheid! Herzliche Grüße, Anne-Kathrin Reif

  3. CLODY sagt:

    Quelle belle histoire chère Anne-Kathrin. Cela met du baume au cœur par ces temps si affligeants !
    Bises lourmarinoises
    Claudie

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