Wie mir Sisyphos am letzten Tag des Jahres direkt nebenan begegnete, und was er mich lehrte

Der letzte Tag des Jahres. So oft in den vergangenen Jahren habe ich diesen Tag bei Freunden in Paris verbracht, dann gemeinsam im Süden, in Sète; wir haben das alte Jahr mit Blick auf das Meer verabschiedet und das neue mit Setoiser Austern in der Markthalle und einem in strahlendes Blau getauchten Strandspaziergang begrüßt, und Camus war immer ganz nah. Diesmal ist alles anders, der Süden ist weit weg, die Tage sind grau, und ich blicke auf ein für mich etwas seltsames Jahr zurück. Dazu gehört, dass die Pausen im Blog länger wurden und es wohl zuweilen so aussah, als sei der über Jahre fortgesponnene Camus-Faden abgerissen. Was nicht so ist. Camus begleitet mich weiterhin durch mein Leben, aber es ist mir nicht immer gelungen, das hier auch sichtbar werden zu lassen. Fünf Jahre Camus-Blog gehen heute zu Ende. Fünf mal 365 Tage Camus – vier mal mehr, als ursprünglich geplant. Wäre es da nicht an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen? Aber was ist das nun – eine realistische Einschätzung: Es ist genug? Allgemeine Jahresendmelancholie? Oder doch nur ein ganz gewöhnlicher Blogger-Blues?

Wenn ich uneins mit mir bin, ist es immer hilfreich, erstmal in Bewegung zu kommen. Ich beschließe also, trotz des überaus tristen heimischen Nieselwetters einen Gang um den Block zu machen. Seit mehr als zehn Jahren wohne ich in dieser Straße in der Wuppertaler Nordstadt, tausende Male habe ich in dieser Zeit den kleinen Platz mit der Kirche in der Mitte umrundet, auf den ich von meinen Fenstern aus herabschaue. Vielleicht bin ich dabei wirklich nie die ganze Strecke exakt direkt an den Häuserfronten entlang gelaufen (die linke Ecke kürze ich gewohnheitsmäßig schräg über die Straße gehend ab), vielleicht habe ich aber auch nur nie aufmerksam nach unten geschaut, und fragt mich jetzt bitte nicht, warum ich es heute getan habe: Ich weiß es nicht. Tatsache ist, dass ich es getan habe, und dass ich dabei zum ersten Mal wahrnahm, was sich ganz offenbar dort all die Jahre schon befunden hat: eine in den Boden eingelassene Kupferplatte mit dem Schriftzug Sisyphos.

Sisyphos. Du meine Güte. Kann doch wohl nicht wahr sein! Ist es aber: Die einzige Camus-Bloggerin weit und breit wohnt ausgerechnet in einer Straße, in der eine unscheinbare Bodenplatte Camus‘ absurden Helden würdigt, und ahnt es nichtmal. Zwar erinnere ich mich daran, dass sich in dem heute als Wohnhaus genutzten Eckgebäude vor Jahrzehnten ein von dem Wuppertaler Schauspieler Alexander Finkel geführtes Speiselokal namens Sisyphos befand, und dass mich das schon zu meiner Studentinnenzeit amüsierte, als der antike Heroe in der Camus’schen Interpretation bereits zu meinen Privatheiligen zählte. Aber die Bodenplatte hatte ich weder damals noch heute bemerkt.

Warum ich das erzähle? Zum einen, weil es eine großartige Geschichte ist, und ich es liebe, wenn das Leben solche Geschichten schreibt. Und zum anderen weil mir dieses Erlebnis die Tatsache ins Bewusstsein gerufen hat, wie sehr das Leben immer wieder voller Überraschungen steckt. Auch oder gerade da, wo wir nicht auf sie gefasst sind. Dass das Überraschende, Unverhoffte, was uns aufwecken und aus den trübsinnigen Zuständen herausreißen kann, manchmal ganz nah ist, mitten in unserem Alltag, dass es nicht immer etwas Großes dafür braucht und es genügt, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

Es gibt so vieles, von dem ich jetzt noch gar nichts weiß, und auf das ich dennoch jetzt schon neugierig bin. Erlebnisse, Gedanken, Begegnungen. Mit und ohne Camus. Aber eben auch: Mit Camus. Und ich will Euch weiter davon erzählen. Deshalb sage ich heute: Ich weiß nicht mit welcher Intensität und mit welcher Taktzahl, aber es geht weiter. Ich danke allen Blog-Leserinnen und -Lesern sehr herzlich, welche mich bei 365tage-camus.de begleiten! Nicht wenige sind sogar schon von Anfang an dabei, andere sind irgendwann ein- (und manchmal auch wieder aus-) gestiegen, wieder andere schauen nur ab und an vorbei. Ich freue mich über jede(n)! Und ganz besonders natürlich über diejenigen, die mir in Kommentaren oder Mails eine Rückmeldung geben oder von Terminen in ihrer Region berichten, damit ich sie hier weitergeben kann. Übrigens: Wer von Euch auf Facebook unterwegs ist, findet auf der dortigen 365tage-camus-Seite öfter mal etwas, das zu „klein“ für einen ganzen Blog-Beitrag ist oder das ich von anderen Camus-Facebook-Seiten teile. Es lohnt sich also, die Seite dort zu liken.

Nun aber: Allen Blog-Leserinnen und Camus-Freunden und überhaupt allen Menschen überall auf der Welt wünsche ich ein wunderbares neues Jahr 2018!

*ähm, hüstel* Wirklich allen Menschen überall auf der Welt? Da gibt es doch einige, denen ich für ihre Vorhaben kein gutes Gelingen wünsche. Sagen wir also: Allen, die sich aufrichtig (und nicht immer zwingend erfolgreich) darum bemühen, das Maß an Unglück in der Welt nicht durch eigenes Zutun zu vergrößern. Schon das ist schwer genug. Aber es ist der Stein, den wir zu rollen haben. In diesem Sinne: Viel Kraft, Mut, guten Willen und Freude für 2018! Bonne année et à bientôt!

 

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8 Kommentare zu Wie mir Sisyphos am letzten Tag des Jahres direkt nebenan begegnete, und was er mich lehrte

  1. Günter Sydow sagt:

    Liebe Frau Reif,
    auch wir von der Camus-Gesellschaft aus Aachen danken ganz herzlich für die enorme Arbeit der vergangenen Jahre und freuen uns riesig, dass Sie trotz aller Strapazen im Alltag diesen Ihren (und ein wenig auch „unseren“ Blog !!!) weiter am Leben halten wollen. Wir müssen uns nämlich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, er kann auch nicht aufhören. Ihnen und allen Lesern ein gutes Jahr 2018.
    Herzliche Grüsse aus Aachen
    Ihr
    Günter Sydow

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Sydow, ich danke Ihnen herzlich für Ihren freundlichen Kommentar! Auch für Sie und allen Camus-Freundinnen und -Freunden in Aachen alles Gute für 2018 und herzliche Grüße aus Wuppertal!

  2. Peter Wessolowski sagt:

    Liebe Camus Freunde. Auch ich hörte von dieser Lesung mit Musik und freute mich schon als Hamburger so nah am Theater zu sein. Doch dann kam die Vorbesprechung im Hamburger Abendblatts, zum Grossteil aus der Beschreibung des Theaters selbst übernommen. Und was stand da gross und mehrfach (!) . Das Stück hatte die Überschrift „Der LETZTE Mensch“ – ist jetzt wohl geändert worden. Bei dem Roman mit diesem Namen handele es sich um ein Romanfragment. Camus wird „als ein Proust des Maghreb“ beschrieben (was bitte ist da in Intention, Inhalt und Stil vergleichbar). Der Clou ist dann, dass die Kindheit Camus‘ mit der Kindheit von Erich Kästner verglichen wird. Neben noch anderen „Grausamkeiten“ dieser Rezension von Theater und Zeitung. Also für mich keine Option dort hinzugehen. Herzliche Grüsse und Wünsche für 2018! Liebe Frau Reif, da dies mein erster Beitrag ist: Herzlichen Dank für Ihre Seiten, Ihren Blog und vor allem auch ihr Buch, das mir aktuell nach jahrelangem Camus Lesen eine völlig neue Tür geöffnet hat.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Wessolowski, vielen Dank für Ihren Kommentar! Vielleicht sollte man sich aber von einer solchen Rezension nicht abschrecken lassen, u.U. sind die Theatermacher doch klüger als die Pressereferenten oder Rezensenten (was ich leider sagen muss, obwohl ich selbst zu beiden zähle). Leider finde ich den von Ihnen genannten Bericht im Abendblatt nicht online, nur eine andere mit dem Król-Zitat „Bildung ist der Schlüssel“ als Überschrift (auch hier im Text allerdings falsch „Der letzte Mensch“) (https://www.abendblatt.de/kultur-live/article212965089/Joachim-Krol-Bildung-ist-der-Schluessel.html). Den Vergleich mit Proust konnte man schon bei Erscheinen von „Der erste Mensch“ in Deutschland des öfteren in der hiesigen Presse lesen. Ich finde es auch etwas weit hergeholt, denke aber, dass die zum Teil äußerst genaue und ausführliche Beschreibung von kleinen Details bei beiden Autoren den Vergleich inspiriert hat, was immerhin nicht VÖLLIG aus der Luft gegriffen ist (wenn man auch sonst nicht viele Gemeinsamkeiten finden kann). – Besonders gefreut habe ich mich natürlich über Ihren Kommentar zu meinem Buch und zum Blog! Was für eine schöne Ermutigung – herzlichen Dank und auch für Sie alles Gute für 2018!

  3. meikemeilen sagt:

    Liebe Anne,
    was für eine tolle Entdeckung, die Du da heute gemacht hast! Das ist ein Zeichen. Und wie gut, dass Du weitermachst mit dem schönen Camus-Blog. Sonst hätte ich auch protestiert und versucht, Dich umzustimmen. Denn so ein Blogger-Blues ist ganz normal und geht auch wieder vorüber.
    Ich wünsche Dir heute einen guten Rutsch in ein glänzendes neues Jahr mit vielen inspirierenden Camus-Begegnungen und noch viel mehr.
    Liebe Grüße, Meike

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Liebe Meike, herzlichen Dank für Deinen liebe Kommentar und Deine Ermutigung! Von einer so erfahrenen Profi-Bloggerin wiegt das natürlich doppelt! Auch für Dich alles Gute für 2018, nicht nur (aber auch) auf Deinen Reisen!

  4. Wolfgang Vogel sagt:

    Sehr geehrte Frau Reif,
    möchte Sie auf den Schauspieler Joachim Kròl & sein neues Programm hinweisen, mit dem er nach der Jahreswende durch die Republik tourt. Nicht nur in Hamburg.

    http://www.altonaer-theater.de/programm/joachim-krol-lorchestre-du-soleil-der-erste-mensch-nach-albert-camus/

    Alles Gute für 2018.

    Ihr
    Wolfgang Vogel

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Vogel, ganz herzlichen Dank! Die Tournee von Joachim Król habe ich im Blick, aber sie gehört zu den Dingen, die 2017 durch die Lücken gerutscht sind… Ein Blogbeitrag ist überfällig! Auch für Sie alles Gute für 2018 und herzliche Grüße!

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