Was man ist, und als was man erscheint

»Jedes Mal, wenn man (wenn ich) seinen Schwächen nachgibt, jedes mal, wenn man denkt und lebt, um etwas zu „scheinen”, begeht man Verrat. Jedes mal war es das größte Unglück, etwas scheinen zu wollen, das mich angesichts des Wahren kleiner gemacht hat. Es ist nicht nötig, sich dem anderen anzuvertrauen, sondern nur denen, die man liebt. Denn in dem Fall gibt man sich nicht mehr preis, um etwas zu scheinen, sondern einzig, um zu schenken. Es steckt viel mehr Kraft in einem Menschen, der nur etwas scheint, wenn es sein muss. Bis zum Ende gehen heißt, sein Geheimnis bewahren zu können. Ich habe unter dem Alleinsein gelitten, aber weil ich mein Geheimnis bewahrte, habe ich die Qual des Alleinseins überwunden. Und heute kenne ich keinen größeren Ruhm, als alleine und unbeachtet zu leben. Schreiben, meine tiefe Freude!«*

Das schrieb Albert Camus 1937 in sein carnet. Und mit diesem schönen Zitat als Impuls startet die Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen die Reihe der monatlichen Gesprächskreise 2020 am kommendem Dienstag, den 14. Januar 2020. Wie immer im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen um 20 Uhr, und wie immer offen nicht nur für Camus-Insider, sondern für alle Interessierten.

„Geselligkeit lenkt oftmals von dem ab, was man wirklich ist. Wir sind geübt darin, auszuweichen, unserem wahren Ich zu entfliehen, bis es nahezu unkenntlich wird. Zwischen den Anderen können wir standhalten, aber meist berauben wir uns darin unserer schöpferischen Kräfte, die erst im Alleinsein wiederkehren“, schreibt Sebastian Ybbs, Vorsitzender der Albert-Camus-Gesellschaft, dazu. Ist das auch eure Erfahrung? Oder befeuert im Gegenteil die Gemeinschaft und Gemeinsamkeit eure schöpferischen Kräfte? Kennt ihr auch die “tiefen Freuden, sich nicht verstellen zu müssen”? Wer mag und Gelegenheit hat, kommt am Dienstag nach Aachen, um sich darüber mit anderen auszutauschen – allen anderen schicke ich es als kleinen Gedankenimpuls in den heute recht trüben Sonntag und sage wie immer mit herzlichen Grüßen: à bientôt!

*Albert Camus, Tagebücher 1935-1951. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1963 (unveränderte Aufl. 1986), S. 39. Eintrag vom 15. September 1937.

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4 Antworten zu Was man ist, und als was man erscheint

  1. Liebe Anne-Kathrin,
    das Zitat ist für mich ein ganz aktueller Jahresbeginn und gibt mir einen letzten Impuls, meinen Facebook-Account zu löschen. Ich nutze die Gelegenheit, Ihnen zu danken, dass Sie mir über mittlerweile so lange Zeit helfen, den gedanklichen Kontakt zu Albert Camus nicht zu verlieren, und wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein gutes neues Jahr.
    Machen Sie bitte weiter so.
    Wolfgang

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Wolfgang, wie interessant, wie unterschiedlich solche Impulse doch aufgenommen und umgesetzt werden! Ich freue mich, diese Form der Wirksamkeit erleben zu dürfen und danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Ermunterung, weiterzumachen. Auch für Sie alles Gute zum neuen Jahr und herzliche Grüße, Anne-Kathrin Reif

  2. Knut sagt:

    „Geselligkeit lenkt oftmals von dem ab, was man wirklich ist. Wir sind geübt darin, auszuweichen, unserem wahren Ich zu entfliehen, bis es nahezu unkenntlich wird. Zwischen den Anderen können wir standhalten, aber meist berauben wir uns darin unserer schöpferischen Kräfte, die erst im Alleinsein wiederkehren“ – was für ein wunderbar treffender Aphorismus. Ich kenne und schätze die „tiefen Freuden, mich nicht verstellen zu müssen“, und weiß sie enorm zu schätzen. Ich hasse jede Art von Smalltalk (mit der ich beruflich leider sehr viel zu tun hatte) und bin so dankbar für dieses Camus-Zitat. – Manche Kreuzfahrer, so vermute ich, würden weniger reisen, wenn sich niemand mehr für ihre ungefragt übermittelten Berichte (früher nannte man das „Diavorträge“) interessieren würde…

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Knut, vielen Dank für Ihren Kommentar! Wie schön, dass Sie sich darin wiedererkennen. Allerdings: Ich kenne auch schöne Freundschaften, die irgendwann einmal mit einem Small-Talk ihren Anfang nahmen. Insofern gilt für mich auch bei diesem Thema: Das Kunststück ist, sich „auf dem schwindelnden Grat“ (Camus) im Gleichgewicht zu halten. Herzliche Grüße, Anne-Kathrin Reif

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