Von glücklichen Sommertagen und dummen Schwalben

L'Isle-sur-la-Sorgue

In L’Isle-sur-la-Sorgue. © Fotos: Anne-Kathrin Reif

am Fluss

L’Isle-sur-la-Sorgue. Es ist ja nicht so, dass ich diese Reise einzig und allein nach den Spuren von Camus ausrichte. Nach L’Isle-sur-la-Sorgue wäre ich ohne die Orientierung an Camus aber womöglich tatsächlich nicht gekommen, denn ich hatte damit keine besondere Vorstellung verbunden – außer eben jener, dass dies der Geburts- und Wohnort von René Char war, dem Dichter und engen Freund von Camus, der erst kürzlich in diesem Blog eine Rolle spielte. So bin ich ausgesprochen freudig überrascht, einen ganz zauberhaften Ort vorzufinden. Die recht munter fließende Sorgue, die den alten Ortskern fast gänzlich umschließt, und in der sich noch die alten Wasserräder aus den Zeiten der Textil- und Papiermanufakturen drehen, verleiht ihm selbst an einem heißen Julitag eine gewissen Frische – was zu Zeiten, als Camus hier seinen Freund besuchte und mit der Familie die Sommerferien verbrachte, auch nicht anders gewesen sein dürfte. Das Aufkommen an Antiquitätenhändlern, Interieurgeschäften und Boutiquen mit den einschlägigen Provence-Accessoires dürfte allerdings deutlich niedriger gewesen sein. Ein Paradies für alle mit einem Sinn für dieserart schönen Dinge, da das Angebot nicht ausschließlich aus der andernorts anzutreffenden Touristen-Massenware besteht. Am besten, man setzt eventuell vorhandene männliche Begleitung in einem der schönen Cafés am Fluss ab, bevor man sich auf eine kleine Einkaufstour begibt… Aber das hat ja nun wirklich nichts mit Camus zu tun, und gefallen hätte es ihm vermutlich auch nicht.

Immerhin findet sich aber auch die bislang mit Abstand intellektuellste Buchhandlung dieser Reise, wo zwischen Beaudrillard und Deleuze tatsächlich eine ganze Reihe der Werke René Chars vorgehalten wird, und ich außerdem zum ersten Mal fündig werde, was die Camus-Neuerscheinungen des Jahres angeht: Zwei illustrierte Ausgaben von L’Étranger, nach denen ich bereits gesucht hatte – nämlich die graphic novel von Jacques Ferrandez und die Pracht-Ausgabe mit Illustrationen von José Muñoz – sowie ein Zufallsfund: Albert Camus un combat pour la gloire – kein Sachbuch sondern ein Roman des Regisseurs Francis Huster, der sich anschickt, „unter die Haut von Camus zu kriechen“. (Dass ich dies alles demnächst noch im Blog vorstellen werde, versteht sich von selbst).

Wenn irgendjemand in diesem Ort mir sagen kann, wo ich das Haus von René Char oder eine andere Stätte finden kann, wo die Erinnerung an diesen bedeutenden Sohn der Stadt (wie man so sagt) gepflegt wird, dann ist es dieser Buchhändler. Aber der wiegt nur bedenkenschwer den Kopf. Nein, die Erinnerung an Char oder gar an Camus spiele leider keine sonderliche Rolle in seiner Stadt, sagt er bedauernd. Eine Hauptstraße ist nach René Char benannt, und er ist auf dem örtlichen Friedhof begraben – das ist es dann aber auch schon. Das Haus des Dichters sei erst unlängst verkauft worden, es befinde sich in schlechtem Zustand, vermutlich werde es von den neuen Besitzern als Privathaus demnächst renoviert werden. Ich beschließe, es trotzdem zu suchen und finde es in einer kleinen Gasse unweit der nach ihm benannten Hauptstraße.

Das ehemalige Wohn- und Elternhaus von René Char. © Foto: akr

Das ehemalige Wohn- und Elternhaus von René Char. © Fotos: akr

Haus-Char-Tafel

 

 

 

 

 

 

Hier also war Camus oft zu Besuch, um seinen Freund zu treffen,  hier verbrachte er Sommerferien mit der Familie, nicht weit von hier lebte Jahre später seine  Freundin Mi, eine junge dänische Malerin. Und von hier aus entdeckte er die Landschaft des Vaucluse und des Luberon, die ihn an seine Heimat Algerien erinnerte, und wo er so viel glücklicher und unbeschwerter sein konnte als in Paris. Schon 1947 schrieb er an Char: er sei Paris überdrüssig, und sein, Chars, Land, dieses Land am Fuße des Luberon sei das, was er allen anderen Gegenden Frankreichs vorziehe. Ob er ihm wohl behilflich sein könne, ein Haus dort zu finden? Bekanntermaßen dauerte es noch mehr als zehn Jahre bis zum eigenen Haus im Luberon, bis Camus 1958 vom Nobelpreisgeld das Haus in Lourmarin kaufen konnte.

Kurz vorher, im September 1958, notiert er ins Tagebuch:

In L’Isle René Char wiedergesehen. (…) Am 3. großer Spaziergang mit R.C. über den Kamm des Luberon. Das grelle Licht und die unendliche Weite begeistern mich. Wieder möchte ich hier leben, das für mich richtige Haus finden, endlich ein wenig sesshaft werden. Gleichzeitig denke ich viel an Mi und ihr Leben hier. Beim Abendessen sagt Madam Mathieu: «Sogar die Schwalben sind dumm geworden. Anstatt ihr Nest aus Lehm zu bauen, holen sie die schwere Ackererde. Und zum erstmal seit Jahrzehnten sind auf Camphoux zwölf der dreizehn Nester mitsamt ihren Eiern am Boden zerschellt», und Char: «Man hoffte, dass wenigstens die Vögel die Ehre retten würden.» (1)

 

Albert Camus, Tagebücher 1951-1958. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 325.
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2 Kommentare zu Von glücklichen Sommertagen und dummen Schwalben

  1. Dr. Ruth Schlette sagt:

    Liebe Frau Reif, Ihren Bericht über L`Isle-sur-Sorgue zu lesen, ist für mich wie eine Rückkehr. Danke!
    Vor bald zwei Jahren erging es uns dort wie Ihnen jetzt. Mit dem offensichtlichen Mißstand dort versöhnte uns jedoch schon am nächsten Tag das MUSÉE FRANÇOIS PÉTRARQUE ET RENÉ CHAR in Fontaine de Vaucluse. In dem alten Gemäuer an Sorgue-Ufer, wo wahrscheinlich Petrarcas Sommerfrische stand, fanden wir nicht nur Lebenszeichen von Petrarca, sondern auch eine zauberhafte kleine Sammlung moderner Kunst als Rahmen für Schriften und Dokumente von René Char, professionell und liebevoll dargeboten. Ein Teil des Char-Nachlasses wird dort aufbewahrt.
    Die Geschichte, die dahinter steckt, muß wohl erst noch geschrieben werden. Wir hörten von einem Konflikt zwischen René Chars Witwe und dem Maire von L`Isle-sur-Sorgue. Was auch immer geschehen ist – fahren Sie nach Fontaine de Vaucluse. Nicht in der Saison, lieber im Spätherbst, wenn Licht und Schatten über dem Fluß miteinander wetteifern.

  2. Nau, Nicole sagt:

    Danke für den Bericht, so gehe ich auch ein klein wenig auf Reise – auf den Spuren von Camus

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