Vom Scheinen und Schenken – das Zufallszitat zum Sonntag

„Jedesmal wenn man (wenn ich) seinen Schwächen nachgibt, jedesmal, wenn man denkt und lebt, um etwas zu «scheinen», begeht man Verrat. Jedesmal war es das große Unglück, etwas scheinen zu wollen, das mich angesichts des Wahren kleiner gemacht hat. Es ist nicht nötig, sich dem anderen anzuvertrauen, sondern nur denen, die man liebt. Denn in dem Fall gibt man sich nicht mehr preis, um etwas zu scheinen, sondern einzig, um zu schenken. Es steckt viel mehr Kraft in einem Menschen, der nur etwas scheint, wenn es sein muss. Bis zum Ende gehen heißt, sein Geheimnis bewahren können.“

Albert Camus, „Tagebücher 1935-1951“. Deutsche Übersetzung von Guido G. Meister. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1963, 1967, S. 39. Eintrag aus September 1937.

Ich wünsche allen Blog-Leserinnen und Camus-Freunden (und umgekehrt) einen wunderschönen sonnigen Sonntag! À bientôt…

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2 Responses to Vom Scheinen und Schenken – das Zufallszitat zum Sonntag

  1. Knut Thielsen sagt:

    Manche Missverständnisse sind wohl auch der Übersetzung geschuldet. Die Behauptung, seinen „Schwächen“ nachzugeben bedeute Verrat, hat mich stutzig gemacht. Wenn man „vanités“ (i.O.) allerdings eher mit „Eitelkeit(en)“ im Sinne von oberflächlicher Selbstgerechtigkeit übersetzt, passt das Zitat m.E. besser in den Kontext des camusianischen Denkens. „Schwäche“ dagegen, so verstehe ich jedenfalls Camus, ist ein Grundzug der menschlichen Existenz, dessen sich niemand schämen muss. Der „Verrat“, von dem hier die Rede ist, bestünde dann eher im „etwas scheinen wollen“ (das man nicht ist), also in fehlender Authentizität.

    Danke für die stets lesenswerten und nachdenklich stimmenden Gedanken in diesem Blog!

    Manchmal bin ich versucht, die Sichtweise Camus‘ durch Überlegungen von André Gide zu ergänzen, wie er sie etwa in seinem „Traktat vom Narziss“ (1891) niedergelegt hat: „Man muß das Paradies immer wieder neu beginnen.“

    Und wenn ich eine biblische Gestalt benennen sollte, die Camus‘ Weg am ehesten gekreuzt hätte, denke ich sofort an Kain (Genesis 4): „Unstet und flüchtig…“ Gerade der aus dem Paradies vertriebene Brudermörder wird durch das Kainsmal geschützt.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Knut, was die „Schwäche“ angeht, bin ich ganz auf Ihrer Seite! Ich denke auch, dass man das Zitat so richtig liest. Camus kannte die Schriften Gides zweifellos gut und steht ihnen sicher an mancher stelle – wie der schönen, von Ihnen zitierten – nahe. Den „Kain“ findet ich einen interessanten Gedanken, den ich nochmal betrachten werde. Vielen Dank und herzliche Grüße, Anne-Kathrin

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