Nachdenken über „Die Größe meines Landes“

Der Blog musste in der letzten Zeit mal wieder ein wenig hinten anstehen, und so bin ich froh, dass mir Sebastian Ybbs von der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen mit seiner Mail einen kleinen Schubs gegeben hat. Für den nächsten offenen Gesprächskreis am kommenden Dienstag, 17. Oktober, hat er ein Thema ausgewählt, dessen brennende Aktualität sich vielleicht erst auf den zweiten Blick offenbart, nämlich „Die Größe meines Landes.“

Ehrlich: Ob „mein“ Land anders als vielleicht flächenmäßig berechenbar ein „großes“ sei oder irgendein Land in diesem Sinne „größer“ als ein anderes – darüber hatte ich mir mein Lebtag noch nie Gedanken gemacht. Für mich gehört eine solche Frage in die Mottenkiste der vergangenen Jahrhunderte. Aber auf einmal melden sich immer mehr Menschen recht lautstark zu Wort, für die das offenbar ein Thema ist, und mit denen wir uns, spätestens seitdem sie im Bundestag sitzen, auseinandersetzen müssen. Die Angst davor haben, „ihr“ Land könne an „Größe“ einbüßen, weil so viele Menschen von außerhalb hier Zuflucht suchen. Und wem klingelte nicht das reißerische „Make America great again“ eines miserablen und leider auch gefährlichen Präsidentendarstellers in den Ohren, wenn man plötzlich wieder über die „Größe eines Landes“ spricht?

Albert Camus legt das Wort von der „Größe meines Landes“ seinem fiktiven deutschen Brief-Freund in den Mund, nämlich im ersten der zwischen 1943 und 1945 verfassten „Briefe an einen deutschen Freund“:

„Sie sagten: «Die Größe meines Landes kann nicht zu teuer bezahlt werden. Alles, was ihrer Verwirklichung dient, ist gut. Und ihr müssen in der Welt, in der nichts mehr Sinn hat, die Menschen, die wie wir jungen Deutschen das Glück haben, im Schicksal ihres Volkes einen Sinn zu finden, alles zum Opfer bringen.»
(…)
«Nein», entgegnete ich, «ich kann nicht glauben, dass man alles einem bestimmten Ziel unterordnen darf. Es gibt Mittel, die nichts heiligt. Und ich möchte mein Land lieben können, ohne aufzuhören, die Gerechtigkeit zu lieben. Ich kann nicht zu jeder Größe ja sagen, selbst zu einer, die in Blut und Lüge gründet. Indem ich die Gerechtigkeit am Leben erhalte, möchte ich mein Land am Leben erhalten.»

Und Sie haben geantwortet: «Ach was, Sie lieben ihr Land nicht!»“¹

Mit welcher Haltung drücken wir die Liebe zu unserem Land aus? Mit welcher Haltung verkörpern und verteidigen wir diese Liebe – durch Ab- und Ausgrenzung oder durch Großzügigkeit und Offenheit? Kann man überhaupt ein Land lieben? (Welcher Politiker war das nochmal, der sagte: „Ich liebe nicht mein Land, ich liebe meine Frau“?) Über diese Fragen lohnt es sich fürwahr, nachzudenken.

Die obige und weitere Textstellen aus Camus‘ „Briefen an einen deutschen Freund“ sollen dabei als Gedankenimpuls dienen – beim Gesprächskreis am 17. 10. 2017, 20 Uhr, im LOGOI, Jakobstraße 25a in Aachen. Oder beim Nachdenken zuhause.

 

¹Albert Camus, Briefe an einen deutschen Freund, in Fragen der Zeit, Deutsch von Guido G. Meister, Rowohlt-Verlag, Reinbek b. Hamburg 1960/1977, S. 11.

 

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9 Kommentare zu Nachdenken über „Die Größe meines Landes“

  1. Hallo zusammen, wir haben am 17.10.2017 in der Albert-Camus-Gesellschaft in Aachen heftig diskutiert und uns die Köppe heiß geredet. Die Botschaft der „alten“ Briefe aus historisch verwurzelter Zeit bieten mehr, als man glauben möchte. Sie sind von geradzu aufrüttelndem Bezug in unsere europa-kritische Zeit. Die Briefe befassen sich zwar mit der damals feindlichen Situation zwischen Frankreich und Deutschland, plädieren aber immer wieder für ein Europa des Friedens. Das haben wir nun und eiern dennoch waghalsig damit herum. Ich habe mich bei Albert für seine weisen Gedanken mit einem „Antwortbrief“ bedankt: http://www.litbiss.de/acamusg . Möge er von vielen gelesen und kommentiert werden. Komm’tiert zu hauf / ich freu‘ mich d’rauf. BRMU

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Bernhard Ulbrich, ich freue mich, von der angeregten Diskussion in Aachen zu hören! Vielen Dank auch für Ihren Beitrag auf Ihrem Blog, der noch einmal die „Perlen“ aus Camus‘ erstem der „Briefe an einen deutschen Freund“ aufliest und erneut zeigt, wie viel er uns zu sagen hat. Mit herzlichem Gruß, Anne-Kathrin Reif

  2. Klaus Stoevesandt sagt:

    Schon lange denke ich darüber nach, dass eigentlich möglichst viele Schüler in Deutschland auch 70 Jahre nach diesem unseligen Weltkrieg die Briefe an einen deuschen Freund von Albert Camus intensiv erarbeitet haben müssten. Wenn man alle vier Briefe genau liest, kann viel deutlicher werden, welche Mittel von Camus beschrieben werden, die durch nichts geheiligt werden können. Sein Zuruf nach der Geschichte um den begleitenden Geistlichen innerhalb des SS-Todeskommandos (Zweiter) Brief: „Bei euch sind selbst die Götter mobilisiert. Sie sind auf eurer Seite, wie ihr sagt, aber gezwungenermaßen.“ kennzeichnet dies sehr deutlich.
    Dies sind wohl viel gravierendere Ungerechtigkeiten eines unmenschlichen Größenwahns, die Camus hier meint. Eine Ausgrenzung von AfD-Wählern dagegen muss wohl noch nicht gegeben sein, wenn ich ein Denken, das möglicherweise diese Wähler bestimmt hat, kritisiere. Die Demokratie muss dies wie auch die ungeliebte nun entstandene Sitzverteilung in den Parlamenten akzeptieren und lernen, damit gerecht umzugehen. Wieviele AfD Abgeordnete möglicherweise wieder von einer bedingungslosen, geschichtsvergessenen Vaterlandliebe reden werden, sei heute noch dahingestellt.
    Aus diesem Grunde freut es mich besonders, dass in Aachen über die Briefe an einen deuschen Freund diskutiert wurde. Leider konnte ich nicht dabei sein.
    Dies mit recht herzlichen Grüßen an Herrn Stucky und Herrn Ybbs.

  3. Sabine Reif sagt:

    Zu Herrn Stuckys Beitrag möchte ich anmerken, dass es mich zutiefst verwundert, dass man sobald man ein moralisches Argument wagt zu bemühen, sofort als „verbissen“ diskreditiert wird! Ist nicht die Moral die Grundlage des Rechts? Sollte sie nicht unsere animalischen Bedürfnisse und Interessen leiten? Ist diese Argumentation nicht geradezu selbstverständlich zu leisten, angesichts der unzähligen hassverzerrten Grimassen und hysterischen Stimmlagen auf unseren Straßen während des Wahlkampfes?

  4. Sabine Reif sagt:

    „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!“ sagte Gustav Heinemann auf die Frage , ob er diesen Staat denn nicht liebe. In der abgewandelten Form „Ich liebe nicht mein Land, ich liebe meine Frau“ zitierte ihn Peer Steinbrück anlässlich eines Interviews.

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Wunderbar – ganz herzlichen Dank für diese Ergänzung!

    • Sebastian Ybbs sagt:

      Lieber Willy Stucky,
      mit Ihrer Vermutung, Sie würden sich bei unserem Gespräch ärgern, liegen Sie vermutlich falsch.
      In unseren offenen Gesprächkreisen, zu denen immer wieder neue Diskutanten hinzukommen, diskutieren wir durchaus auch kontrovers, vor allem aber hören wir einander zu, damit wir Argumente in Erwägung ziehen können, an die wir vorher nicht gedacht haben, – nur belehren wollen wir einander nicht. Ihr Beitrag, wie sie ihn formuliert haben, wäre somit bei uns sehr willkommen.
      Und nein, meine Einladung ist nicht danach ausgerichtet, dass wir plump über eine bestimmte Partei und ihre Anhänger herfallen. Wenn wir mit Camus über Gerechtigkeit sprechen und über die Pflicht „Menschen zu retten“ (er bezog sich damals auf die von den Nazis Verfolgten, wir können es heute auf viele globale Ereignisse projizieren) dann hilft es sicherlich nicht weiter, dies auf Parteipolitik zu reduzieren. Es geht hier um eine gesellschaftspolitische Fragestellung, auch um die persönliche Haltung jedes Einzelnen, die wir genauso differenziert diskutieren sollten, wie wir es von Camus gewohnt sind.

  5. Anne-Kathrin Reif sagt:

    Lieber Herr Stucky, vielen Dank für Ihre Einlassungen – gewiss ein Beitrag zur Diskussion. Vielleicht mag ihn ja jemand der Diskutanten aus dem Camus-Gesprächskreis aufgreifen? Das würde mich freuen. Viele Grüße, Anne-Kathrin Reif

  6. Willy Stucky sagt:

    „Ich kann nicht glauben, dass man alles einem bestimmten Ziel unterordnen darf“, schreibt Camus seinem fiktiven deutschen Freund. Damit wäre alles gesagt. Trotzdem tut es gerade auch in Deutschland Not, Diskussionen wie die angekündigte zu führen. Nur möchte ich nicht dabei sein, denn ich habe den Verdacht, dass ich mich ärgern würde.
    Die Ausgrenzung der AfD-Wähler im Namen des Guten und Schönen ist meines Erachtens weder gut noch schön, und zwar gerade, weil dahinter der Versuch steckt, alles einem bestimmten Ziel zu unterordnen, z.B. dem Ziel, Deutschland zur moralischsten Nation der Welt zu machen.
    Kein politisches Ziel, das mit Verbissenheit verfolgt wird, kann gut sein, denn es erregt notgedrungen Widerstand, den es aus Gründen einer inneren Logik auszurotten gilt, und schon sind wir mitten im Widerspruch, den Camus seinem fiktiven deutschen Freund klarzumachen versuchte.
    Wer aber seine Widersacher mit Stumpf und Stiel auszurotten gedenkt, sieht sich gezwungen, alle dazu erforderlichen Mittel zu heiligen, weshalb auf den eingangs zitierten Satz die schlichte Formel folgt: „Es gibt Mittel, die nichts heiligt.“ Und just solche Mittel haben wir im deutschen Wahlkampf beobachten können, nämlich die verbale und sogar physische Gewalt gegenüber Andersdenkenden und Andersliebenden.
    Ich behaupte nicht, dass die betroffenen Andersdenkenden und Andersliebenden an der besagten Gewalt nicht mitschuldig gewesen sind. Doch ich behaupte, dass das, was sich diesbezüglich während des jüngsten deutschen Wahlkampfes ereignet hat, mit Camus und seinem permanenten Appell an das Masshalten nicht vereinbar ist.
    Camus lässt sich nicht z.B. auf Philanthropie, d.h. auf eine bestimmte Ideologie, reduzieren. Ganz im Gegenteil: Er hat zeit seines bewussten Lebens gegen alle Ideologien gekämpft, was unter anderem zur Folge hatte, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg sofort seine Stimme gegen die Exekution französischer Nazi-Kollaborateure erhoben hatte. War er demnach selbst ein Sympathisant der französischen Faschisten gewesen? Gewiss nicht. Doch solches Kurzschluss-Pseudo-Denken feiert zurzeit leider wieder Urstände, insbesondere in Intellektuellenkreisen. Für mich ein Ärgernis.

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