Heinz Robert Schlette über „Albert Camus und die Juden“

Heinz Robert Schlette beim Vortrag in
der Buchhandlung Böttger, Bonn, 2014.
©Foto: akr

Es ist mir eine besondere Freude, diesen Termin anzuzeigen: In Kürze gibt es die leider selten gewordene Gelegenheit, den Nestor der deutschen Camus-Forschung Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette bei einem Vortrag zu erleben. Er kommt am 1. März in die Buchhandlung Böttger in Bonn und bringt ein Thema mit, das bislang in der Camus-Forschung gänzlich unbeachtet und unbeackert geblieben ist: „Albert Camus und die Juden.“

Das ist spannend gerade deshalb, weil sich dieses Thema zunächst nicht unbedingt aufdrängt. Die Hauptwerke von Camus geben dazu nichts her (sag‘ ich jetzt mal so aus meiner Perspektive, aber vielleicht werden wir ja auch dazu Neues erfahren). Oder kann man diese Nicht-Thematisierung etwa bereits schon als Ausdruck einer Haltung werten? Camus habe zu Auschwitz keine Stellung bezogen, kann man gelegentlich lesen. Camus‘ „Begeisterung für den «Wein des Absurden» und das «Brot der Gleichgültigkeit»“ sei bei Erscheinen des Sisyphos 1942 im besetzten Paris „völlig unangebracht“ gewesen, schreibt z.B. Iris Radisch, und weiter: „Während Camus 1941 den letzten Satz über das Glück des Sisyphos, der sein absurdes Schicksal glücklich erträgt, zu Papier brachte, wurden in Auschwitz die ersten Vergasungen durchgeführt und das spätere Vernichtungslager Birkenau errichtet.“¹ Und auch in der Feststellung, Camus habe bei der Erstveröffentlichung seines Mythos des Sisyphos 1942 bei Gallimard in Paris unter deutscher Besatzung auf das darin enthaltene Kapitel über den Juden Franz Kafka verzichtet, damit sein Essay über das Absurde überhaupt erscheinen konnte, schwingt schnell ein unausgesprochener Vorwurf mit.

Doch wissen wir auch von Camus‘ Kenntnis und Sympathie für die Widerstandsbewegung im Örtchen Le Chambon im französischen Hochland, wo mutige Bewohner jüdische Mitbürger versteckten und vor Verfolgung und Vernichtung retteten. Camus hatte sich dort krankheitsbedingt 1942/43 mehrere Monate aufgehalten und u.a. an seinem Roman Die Pest gearbeitet. Möglich, dass der Arzt Roger Le Forestier, Kopf der Widerstandsbewegung in Le Chambon und behandelnder Arzt von Camus, sogar Vorbild für seinen Dr. Rieux in La Peste wurde (Klaus Stoevesandt, der sich auf die Spuren dieser Geschichte begeben hat, hat davon bereits hier im Blog berichtet, s.u.). Und wir wissen auch von seiner Bewunderung für die jüdische Philosophin Simone Weil – wozu wir vielleicht auch einiges von Heinz Robert Schlette erfahren können, ist der doppel-promovierte Philosoph und Theologe doch ein exzellenter Kenner nicht nur von Camus sondern auch von Simone Weil (u.a. Hg. von Simone Weil: Philosophie – Religion – Politik, Frankfurt/Main 1985).

Auf jeden Fall darf man sehr gespannt sein, was Heinz Robert Schlette zu diesem gesamten Themenkomplex zu Tage gefördert hat, und wie er dieses Feld vor dem Hintergrund seiner reichen und genauen Camus-Kenntnis bewertet. Ich freue mich bereits auf das Wiedersehen in Bonn und sage einmal mehr: à bientôt!

Termin: 
Donnerstag, 1. März, 20 Uhr, in der Buchhandlung Böttger, Thomas-Mann-Str. 41, Bonn. Die Buchhandlung befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Mehr Infos hier.

Zur Person:
Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette, 1931 in Wesel geboren, promovierte in den Fächern Philosophie und Katholische Theologie. Von 1962 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996 war er Professor für Philosophie an der Universität Bonn. Heinz Robert Schlette ist der Doyen der deutschen Camus-Forschung. Seine beeindruckende Liste an Veröffentlichungen umfasst darüber hinaus jedoch auch zahlreiche weitere Themen aus Philosophie, Theologie, Politik und Kultur. Zuletzt erschien von ihm 2014 Existenz im Zwielicht. Notierungen in philosophischer Absicht (1965 – 1999). Mehr dazu und eine Liste seiner Veröffentlichungen zu Camus gibt es im Blog hier: 84 Jahre Existenz im Zwielicht – Joyeux anniversaire Professor Heinz Robert Schlette

Weitere verwandte Beiträge:
„Albert Camus, philosophisch“ – Heinz Robert Schlette im Gespräch
„Philosophie als Lebensgefühl“ – Camus im Radio (und in der Deutschen Bahn)
Albert Camus, Albert Schweitzer und Roger Le Forestier – oder wie aus einer Randbemerkung eine lange Geschichte wird
Auf den Spuren des „echten“ Dr. Rieux in Le Chambon

¹Iris Radisch: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Eine Biographie. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 2013, S. 160.

 

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4 Kommentare zu Heinz Robert Schlette über „Albert Camus und die Juden“

  1. Stefan Mensah sagt:

    Lieber Herr Stucky und liebe Frau Reif,
    Zitat Vorredner: „Ich kann mir gut vorstellen, dass just sehr differenziert denkende Menschen angesichts einer neuen Dimension dessen, wozu Menschen fähig sind, sich sozusagen erst einmal die Augen reiben…“ /signed.
    Das Ausbleiben eines „belegten Kommentars“ seitens Camus bedeutet ja nicht im Umkehrschluss, dass keine Meinung vorhanden ist. Man darf eher davon ausgehen, dass ein Eintreten in diese Art „öffentliche Diskussion“ einen sensiblen Denker auch zugrunde richten kann. Manches in der Weltgeschichte und aktuell scheint so hoffnungsbefreit, dass jeder Kommentar scheitern muss. Der Himmel braucht kein Lob für seine Bläue…..Unrecht ist Unrecht, dazu bedarf es keines Kommentars, sondern nur eines Herzens und der uns eigentlich angeborenen Instinkte zur Verteidigung des Schwächeren. Das ist die Krux, ein guter Mensch und gleichzeitig nicht wütend sein zu wollen…
    Viele Grüße in die Welt – Peace!

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Mensah, vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich bin da ganz bei Ihnen! Herzliche Grüße, Anne-Kathrin Reif

  2. Willy Stucky sagt:

    Als „Andorra“ von Max Frisch am 2. November 1961 uraufgeführt wurde, war Camus bereits seit knapp zwei Jahren tot. Es dauerte folglich eine geraume Zeit, bis ein Bühnenautor und dezidierter Sozialist wie Max Frisch mit Bezug auf Auschwitz die Verantwortung aller Menschen für dieses beispiellose Grauen thematisierte.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass just sehr differenziert denkende Menschen angesichts einer neuen Dimension dessen, wozu Menschen fähig sind, sich sozusagen erst einmal die Augen reiben, und zwar weil sie augenblicklich erkennen, dass die Sache mit billiger Schuldzuweisung unmöglich zu bewältigen ist.
    Noch billiger ist es, bedeutenden Künstlern und Schriftstellern im Nachhinein den Vorwurf zu machen, sie hätten sich derart viel Zeit gelassen, bis sie etwas im Grunde Unsägliches doch zu sagen wagten, dass man nicht umhin komme, sich so seine Gedanken zu machen.
    Auf solchen und ähnlichen Unterstellungen beruht zurzeit der Pseudo-Diskurs in Deutschland. Gut möglich, dass Herr Schlette mit seinem Vortrag in alter, humanistischer – und somit eigentlich auch sehr deutscher – Tradition aufklärerisch wirken wird.
    Leider ist Bonn ziemlich weit weg von meinem Zuhause …

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Stucky, vielen Dank für diesen bedächtigen Kommentar. Ja, schade dass Bonn für Sie zu weit ist – vielleicht würden wir uns sonst auch einmal im „richtigen Leben“ begegnen und nicht nur hier!

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