Von der Couch aus mit Camus in den Süden reisen: „Albert Camus unter der Sonne des Luberon“ auf arte TV

 Albert Camus unter der Sonne des Luberon – Stadt Land Kunst (07/01/2021) – Die ganze Doku | ARTE (bis 7.1.2023 in der Mediathek)

Ich geb’s zu: So langsam wird auch mir das alles ein bisschen zäh. Keine Kultur, keine Reisen, keine Restaurants und Cafés, keine Treffen mit Freunden… Und wenn man nicht gerade in einer ländlichen Gegend ohne Tourismus und mit Wald vor der Tür wohnt (was ich zum Glück hin und wieder tun kann, nur gerade jetzt nicht), dann sollte man auch das mit den Ausflügen ins Grüne bzw. Weiße gerade besser lassen. Aber quengeln hilft ja nun auch nix. Eine ganz schöne Option ist immerhin ein gemütlicher Nachmittag auf dem Sofa, warme Decke, Tasse Tee und dazu die letzten Weihnachtskekse (die müssen jetzt wirklich mal weg) und sich durch die Arte-Mediathek schauen. Da findet sich nämlich in der schönen Reihe „Stadt Land Kunst“ so einiges, das die Sehnsucht nach Kultur und nach Reisen ein wenig befriedigt – sie andererseits aber zugleich noch größer werden lässt (seufz).

So erging es jedenfalls mir beim Anschauen der Folge vom 7. Januar 2021 „Albert Camus unter der Sonne des Luberon.“ Ein sehr schöner Beitrag, der erzählt, was Camus an diesem Landstrich so angezogen hat, warum er sich dort zuhause fühlte. 
Seine Tochter Catherine Camus kommt zu Wort, und wir lernen deren Tochter, Camus‘ Enkelin Élisabeth Maisondieu-Camus kennen. Heutige Camus-Freunde, die schon bei den Rencontres méditerranéennes in Lourmarin dabei waren, kennen vermutlich auch Frank Planeille, der hier über die Freundschaft von Albert Camus und René Char erzählt – denn die Geschichte von Camus und dem Luberon beginnt nicht in seinem späteren Wohnort Lourmarin, sondern unweit an der Sorgue, dieser grünen Fluss-Oase in dem ansonsten eher trockenen Landstrich. Dort lebte der Dichterfreund, und auf dessen Einladung war Camus 1947 zum ersten Mal in die Gegend gekommen. Aus dem Off gelesene Textpassagen aus Camus‘ autobiographischem Roman Der erste Mensch machen deutlich, warum es für Camus war, als käme er hier mit einer „Zwillingserde“, einer „Zwillingssonne“ in Berührung, wie Frank Planeille es formuliert. Zehn Jahre später kaufte Camus das Haus in Lourmarin, in dem heute seine Tochter Catherine lebt.


Aber nicht nur Camus‘ spezielle Liebe zur Landschaft, die ihn an seine Heimat Algerien erinnerte, finden Beachtung, sondern auch sein Verhältnis zu den Menschen, zu den Dorfbewohnern – deren Herz der Nobelpreisträger spätestens gewonnen hatte, als er auf dem Platz die örtlichen Fußballmannschaften anfeuerte. Pierre Croux, ein Architekt aus Lourmarin und vielleicht noch ein Zeitzeuge, erzählt im Filmbeitrag davon, und ebenso, dass Camus gern und häufig bei César Reynaud, dem berühmten Schmied des Ortes, der auch Philosoph, Humanist und ein großer Geschichtenerzähler war, in dessen Werkstatt gesessen habe. Das habe ihn an sein Viertel in Algier mit all den kleinen Handwerkern erinnert, wo er als Junge gern bei seinem Onkel Etienne in der Böttcherwerkstatt verweilte.

Mich hat gerade diese kleine Episode sehr berührt, hatte ich bis dato von diesem Schmied doch noch nichts gehört – und jetzt fügt sich dieses Bild von Camus, der in Reynauds Schmiede sitzt und dessen Geschichten zuhört, sofort nahtlos zusammen mit jenem Bild von Camus, das ich habe: Wie er bei unserem gemeinsamen Freund, dem Schriftsteller und Silberschmied Georg Glaser in Paris in dessen Werkstatt sitzt, um dessen Erzählungen zu lauschen und sich von der Pariser Intellektuellenclique zu erholen.


„Andere nach uns werden hier die ersten Sonnenstrahlen spüren, sich schlagen, lernen zu lieben und zu sterben, sich auf das Rätsel einlassen und als Unbekannte heimkehren. Das Leben ist ein wunderbares Geschenk.“ *


Mit diesem Zitat endet der Beitrag. Und wieder einmal ist es Camus, der mich daran erinnert hat, was wirklich zählt – auch und gerade in diesen Zeiten.


P.S.: In der ARTE-Mediathek finden sich noch zwei weitere schöne Camus-Beiträge, ebenfalls aus der Reihe „Stadt Land Kunst“: „Amsterdam: der Fall von Albert Camus“ und „Das blaue Griechenland von Albert Camus„.
* Leider kenne ich aus dem Kopf die Quelle zu dem Zitat aus dem Filmbeitrag nicht, aber sobald sie mir begegnet, werde ich sie ergänzen.

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2 Antworten zu Von der Couch aus mit Camus in den Süden reisen: „Albert Camus unter der Sonne des Luberon“ auf arte TV

  1. Peter Silberbach sagt:

    Danke für den Hinweis! Der arte-Beitrag war mir entgangen, weil ich einen Monat völlig auf meinen Patientenbericht „Ende gut, alles gut!?“ zu meinen 23 Jahren PCa-Therapien für den Krebstag Ruhr 2021 in Essen fixiert war. Da ist es erfrischend, wieder in diese Sehnsuchtswelt der Provence zu wechseln, wenn auch nur im Film, aber immerhin…..Es wird schon wieder klappen: Die Hoffnung hält uns aufrecht – auch mit Hilfe von „365 Tage Camus“! Danke nochmals!
    Mit besten Grüssen vom Niederrhein!

    • Anne-Kathrin Reif sagt:

      Lieber Herr Silberbach, ganz herzlichen Dank für Ihren freundlichen Kommentar und gutes Gelingen bei Ihrer Arbeit!

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