Albert Camus und ich schreiben einen Brief

Paris, 4. August 2014. Es ist leicht, in Paris den Eindruck zu bekommen, dass sich diese Stadt selbst genug sei – und man selbst gleich mit. Als ob das Leben nicht schon anstrengend genug wäre hier, als ob man nicht schon genug Probleme hätte (wenn es gilt, hier seinen Alltag zu bestehen). Ach, und als ob man nicht einfach mal alles Unangenehme draußen lassen und sich den Schönheiten dieser Stadt überlassen dürfte – ihrer phantastischen Architektur, ihren bezaubernden Parks und Gärten, ihrem Übermaß an Kunst und Geschichte und ihrem Savoir-Vivre (wenn man als Besucher herkommt)! 

Doch, sicher darf man das. Aber ganz draußen bleibt der Rest der Welt für mich dennoch nicht. Dafür genügt allein schon die Tatsache, dass ich in Sichtweite zur palästinensischen Botschaft wohne und am liebsten durch das Marais spaziere, das alte jüdische Viertel mit seinen hebräischen Schriftzeichen auf Hauswänden und Ladenschildern, in dem man auch heute noch orthodoxen Bewohnern mit Kippa und Schläfenlocken begegnet, und wo man selbstverständlich zwischen etlichen koscheren Restaurants wählen kann.

„Was hätte Freund Camus uns zu sagen bezüglich der aktuellen humanitären Katastrophe in Gaza? Wie kann man denn, angesichts dieser (überwiegend einseitigen) Brutalität und einer Weltgemeinschaft, die nur tatenlos zuschaut, noch den Glauben an die Menschheit bewahren?”, fragt Andreas Arnold, Komponist der wunderbaren Suite Camus, im Kommentar zum letzten Beitrag hier. Ich möchte Andreas stellvertretend für alle antworten, denen auch das Herz über dieser Katastrophe schwer wird.

*

Lieber Andreas, ich weiß es nicht. Und ich möchte Camus keine Gedanken unterstellen und Worte in den Mund legen. Aber ich glaube, das braucht es auch gar nicht. Vorhin griff ich spontan ins Bücherregal meiner Gastgeber hier in Paris, zog ebenso spontan ein schmales rotes Camus-Bändchen heraus und schlug es einfach mittendrin auf – und habe nun das seltsame Gefühl, als hätte Freund Camus die Frage selbst beantworten wollen. Bestimmt verstehst du, wie mich dieser Zufallsfund berührt hat, wenn du den Brief an einen algerischen Aktivisten nachliest, der sich in dem rororo-Bändchen Fragen der Zeit findet. Da du ihn aber in New York vielleicht gerade nicht zur Hand hast, habe ich ihn für dich und für alle anderen Leser in Teilen abgeschrieben.  Man braucht nur die von Camus verwendeten Bezeichnungen Algerier und Franzosen bzw. Algerien und Frankreich entsprechend ersetzen (ich habe die Stellen offen gelassen). Und schon wird klar, dass Camus dies ebenso gut heute mit Blick auf Palästina hätte schreiben können. Camus schrieb diesen Brief allerdings an den algerischen Aktivisten und Sozialisten Aziz Kessous, der nach dem Ausbruch des Aufstandes in Algerien die Zeitung Communauté Algerienne herausgab mit dem Ziel, den Fanatismus auf beiden Seiten zu überwinden und für die Bildung einer freien Gemeinschaft zu wirken. Camus‘ Brief erschien in der ersten Nummer dieser Zeitung am 1. Oktober 1955.

Brief an einen algerischen Aktivisten 

Mein lieber Kessous,
(…) Sie werden mir ohne weiteres Glauben schenken, wenn ich Ihnen sage, dass ich gegenwärtig an …… leide wie andere an einer Lungenkrankheit. Und seit dem 20. August bin ich am Rand der Verzweiflung.

Wer annimmt, die ….. könnten jetzt die Metzeleien von …. und anderswo vergessen, versteht nichts vom Herzen der Menschen. Wer umgekehrt annimmt, die einmal ausgelöste Unterdrückung vermöge in den arabischen Massen Vertrauen und Achtung für ….. zu wecken, gibt sich einer anderen Art Verblendung hin. Da stehen wir uns nun gegenüber und sind darauf bedacht, uns auf nicht wiedergutzumachende Weise so viel Leid zuzufügen wir nur möglich. Diese Vorstellung ist mir unerträglich und vergiftet alle meine Tage.
Und doch wissen Sie und ich, die wir uns so sehr gleichen, dieselbe Bildung genossen haben, dieselbe Hoffnung teilen, die wir seit so langer Zeit Brüder sind, eins in der Liebe zu unserer Heimat, dass wir keine Feinde sind und dass wir zusammen in dieser unserer Heimat glücklich leben könnten. Denn sie ist unsere Heimat, und ich kann sie mir so wenig ohne Sie und Ihre Brüder vorstellen, wie Sie sie zweifellos von mir und meinesgleichen trennen können.
Sie haben es sehr gut ausgedrückt, besser als ich es vermag: wir sind dazu verurteilt, miteinander zu leben. Die …… sind seit über hundert Jahren in ….. ansässig und zählen mehr als eine Million. (…) Das „Faktum …..“ kann in …. nicht aus der Welt geschafft werden, und der Traum von einem plötzlichen Verschwinden ……s ist kindisch. Aber umgekehrt besteht auch kein Grund, warum xx Millionen Araber auf ihrem eigenen Boden wie Parias leben sollten: der Traum von einer endgültig bedeutungslosen, schweigenden und geknechteten Masse von Arabern ist ebenfalls hirnverbrannt. Die ….. haften mit zu alten und zu kräftigen Wurzeln in ……s Erde, als dass man daran denken könnte, sie auszureißen. Aber das verleiht ihnen meiner Ansicht nach nicht das Recht, die Wurzeln der Kultur und des Daseins der Araber abzuschneiden. Ich habe mein ganzes Leben lang (…) den Gedanken vertreten, dass umfassende und tiefgehende Reformen nötig seien. Man hat mir nicht geglaubt, man hat weiterhin dem Traum von der Macht nachgehangen, die sich für ewig hält und vergisst, dass die Geschichte weitergeht. Diese Reformen sind heute nötiger denn je. (….) Aber ich weiß aus Erfahrung: dies heute auszusprechen bedeutet, sich in das Niemandsland zwischen zwei Armeen begeben und inmitten des Kugelregens predigen, dass der Krieg ein Betrug ist und Blut die Geschichte zwar manchmal vorwärts treibt, aber nur in Richtung auf noch mehr Barbarei und Elend. Was kann der Mensch, der dies aus tiefster Seele, mit seinem ganzen Herzeleid herauszuschreien wagt, als Antwort erhoffen außer Gelächter und noch lauterem Waffengetöse? Und doch muss es herausgeschrien werden (…).

Ja. Wesentlich ist, den Raum für den noch möglichen Dialog zu bewahren, so eng er auch geworden ist. Wesentlich ist, wieder eine Entspannung herbeizuführen, mag sie noch so leicht und flüchtig sein. Und dazu muss ein jeder von uns den Seinen Mäßigung predigen. Die unentschuldbare Ermordung …..er Zivilisten zieht andere, ebenso sinnlose Zerstörungen von Menschenleben und Gütern des arabischen Volkes nach sich. Man könnte meinen, Irrsinnige hätten, toll von Wut und der Zwangsehe bewusst, der sie nicht entfliehen können, beschlossen, eine tödliche Umarmung daraus zu machen. Gezwungen, miteinander zu leben, und unfähig, eins zu werden, beschließen sie, wenigstens zusammen zu sterben. Und ein jeder verstärkt durch seine Maßlosigkeit die Gründe und die Maßlosigkeit des anderen, so dass der Todessturm, der (das) Land heimsucht, sich nur noch bis zur allgemeinen Vernichtung steigern kann. (…)

Darum muss dieser Übersteigerung ein Ende gemacht werden, und hier liegt unsere Aufgabe, die Aufgabe der Araber und der …, die sich weigern, ihre verschlungenen Hände zu lösen. (….) Man wird mir so gut wie Ihnen antworten, dass Versöhnung überholt sei, dass es sich darum handle, einen Krieg zu führen und zu gewinnen. Aber sie und ich wissen, dass dieser Krieg keinen wirklichen Sieger kennen wird und dass wir nachher wie zuvor immer noch und auf immer zusammen im gleichen Land leben müssen. (…)

Darum bin ich so völlig mir Ihrem Vorhaben einverstanden, mein lieber Kessous. Ich wünsche Ihnen, ich  wünsche uns viel Glück. Ich will mit all meine Kräften glauben, dass der Friede sich über unseren Feldern, unseren Bergen, unseren Küsten erheben wird und dass dann die in Freiheit und Gerechtigkeit versöhnten Araber und ….. sich dazu überwinden, das Blut, das sie heute trennt, zu vergessen. An dem Tag werden wir, die wir gemeinsam in Hass und Verzweiflung verbannt sind, gemeinsam eine Heimat wiederfinden“ (1).

Lieber Andreas, was sagst du? Ist das nicht ganz unglaublich? Leider wissen wir ja, dass Camus‘  Hoffnung, was seine eigene Heimat anging, nicht in Erfüllung gegangen ist. Aber das macht sie keineswegs obsolet. Ich glaube vielmehr, dass es damals wie heute und immer wieder die einzige Haltung ist, an die man sich im wahrsten Sinne des Wortes halten kann. Und das ist kein Pfeifen im dunklen Wald, das nur der eigenen Beruhigung dient, es ist ein beharrliches und berechtigtes Festhalten an einem Begriff von Menschlichkeit, den es unter allen Umständen zu verteidigen gilt.

Auch die Tatsache, dass ich mich jetzt hier in dieser Stadt, in diesem Land so selbstverständlich als Freundin unter Freunden bewegen kann, ist ja das gerade nicht: selbstverständlich. Ich weiß nicht, ob du das in New York mitbekommen hast, aber gerade gestern erst, auf den Tag 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges, haben sich unsere Präsidenten François Hollande und Joachim Gauck auf dem Hartmannsweilerkopf in den Vogesen getroffen und dort den Grundstein zu einer deutsch-französischen Gedenkstätte gelegt. Du kannst dir denken, dass ich mit staatstragenden Feierlichkeiten normaler Weise nicht sonderlich viel am Hut habe. Aber in diesem Falle und gerade vor dem Hintergrund des furchtbaren Bruderkrieges in Palästina wünsche ich mir doch, dass dieses symbolträchtige Bild der beiden Präsidenten einstiger „Erbfeinde“, die sich am Ort eines schrecklichen Gemetzels, wo allein 30000 Franzosen und Deutsche ihr Leben verloren, in den Armen liegen, um die Welt geht. Und dass die Welt diese Botschaft versteht: Dass Versöhnung möglich ist, ja sogar Freundschaft, über die Schlachtfelder hinweg.

Wie treffend unsere Sprache doch zuweilen ist, nicht wahr? Schlachtfeld. Wo Schlachten geschlagen werden, wird nicht gekämpft und gesiegt, da werden Menschen geschlachtet und sonst gar nichts. Camus hat in dieser Schlachterei, an die jetzt allenthalben erinnert wird, seinen Vater verloren, den er nicht mehr hat kennenlernen dürfen. Er war Jahrgang 1885, übrigens genau wie mein Großvater, der im Alter von 100 Jahren sehr friedlich gestorben ist. Die beiden hätten sich gegenüberstehen können, um auf einander zu schießen, weil ihre Staatsoberhäupter es damals so befohlen haben. Geschichte ist manchmal gar nicht so weit weg, wie man immer denkt…

Wie soll man sich den Glauben an die Menschheit bewahren, hast du gefragt… Dazu fällt mir doch noch mal Camus ein, der sagte, er sei tatsächlich pessimistisch in Bezug auf die conditio humana – aber optimistisch in Bezug auf den Menschen (2). Vielleicht könnte das ja auch noch eine Antwort auf deine Frage sein?

Grüße aus der Cité de lumière in die Stadt, die niemals schläft!
Amicalement
Anne-Kathrin

(1) Albert Camus, Brief an einen algerischen Aktivisten, in: Fragen der Zeit, Übersetzung von Guido G. Meister, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1968, S. 80ff. (2) Die Quelle hab‘ ich aber jetzt grade nicht parat. Ich kann sie dir nachliefern, wenn ich wieder zuhause bin.
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3 Kommentare zu Albert Camus und ich schreiben einen Brief

  1. Andreas Arnold sagt:

    Wahnsinn, so aktuell und genau auf den Punkt gebracht! Was für ein glücklicher Fund, genau das was ich mir erhofft habe! Vielen, vielen Dank. Wie beeindruckend, seine Hoffnung, sein Mut – trotz aller Verzweiflung und Frustration. Ich habe den Essay hier und werde ihn gleich in der U-Bahn (der einzige Ort in NY wo ich wirklich die Muße habe zu lesen) nochmal ganz gründlich studieren. Merci à toi!

  2. Dr. Ruth Schlette sagt:

    Welche Entdeckung! Liebe Frau Reif, für diesen Text, den ich nicht kannte, möchte ich Sie umarmen. Meine Fragen sind die gleichen, wie Andreas Arnold sie gestellt hat. Camus´ Antwort ist über die Zeiten hinweg gültig. Und wenn ich heute David Grossman´s „Stop the Grindstone of Israeli-Palestinian Violence“ lese – -http://nytimes.com/2014/07/28/opinion/david-grossman-end… -,
    bleibt mir eine winzige Hoffnung, daß der Wahnsinn überwindbar ist, JETZT!

    Im übrigen habe ich gerade heute an Sie gedacht: in Wuppertal, in Tony Craggs WALDFRIEDEN.

    Dank und Grüße !

  3. Klaus Küster sagt:

    Herzlichen Dank für diesen wunderbaren Camus-Brief, auch wenn er in mir schreckliche Erinnerungen an meinen Pariser Herbst von 1961 wachruft:
    Das Quartier Latin war zu dieser Zeit noch – salopp gesagt – fest in algerischer Hand. Aus offenen Cafés und Wohnungsfenstern war arabische Musik zu hören. Mittags suchte ich dort gerne ein kleines Restaurant auf. Sein Koch und Besitzer war ein ehemaliger deutscher Weltkrieg II-Soldat und hatte nach der französischen Gefangenschaft eine Französin geheiratet. Er war Pazifist und hatte viele algerische Freunde. Von ihm erfuhr ich das mittägliche Frühwarnsystem: In den Gassen verstummte ganz plötzlich die arabische Radiomusik. „Jetzt dauert es zwischen fünf
    und zehn Minuten bis die Polizei eintrifft“ sagte er. Und so geschah es. Aus einem oder zwei großen Wagen entstiegen die mit Maschinenpistolen und Gummiknüppeln bewaffneten Polizisten, drangen in verschiedene Häuser ein und kamen kurz darauf mit algerischen Bewohnern wieder heraus. Es waren wehrlose Männer jeden Alters (!) die auf dem Weg zum schwarzen Wagen von der Polizei getreten und geschlagen wurden. Ich sah auch weinende, schreiende Frauen und Kinder, die den gefangenen Angehörigen noch etwas – zumeist Geld – zustecken wollten. Sie wurden brutal zurückgestoßen. Fliegende Scheine und herunter gefallene Münzen verschwanden in den Taschen der Polizei noch ehe sich hinter den Festgenommenen die Wagentüren schlossen. Solche Szenen gehörten im Herbst 1961 zum Alltag des Quartiers.
    Ich kann sie nicht vergessen.

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